Texte aus dem Messbuch „Auf dein Wort“ November-Dezember 2023
Weihnachten des Herrn (H)
Eigenproprium
Abendmesse am Vorabend
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 62,1-5)
Um Zions willen werde ich nicht schweigen, um Jerusalems willen werde ich nicht stillhalten, bis hervorbricht wie das Morgenrot ihre Gerechtigkeit und ihr Heil wie eine brennende Fackel. Dann sehen die Nationen deine Gerechtigkeit und alle Könige deine Herrlichkeit; man ruft dich mit einem neuen Namen, den der Mund des Herrn nennt. Du wirst zu einer prächtigen Krone in der Hand des Herrn, zu einem königlichen Diadem in der Hand deines Gottes. Nicht länger nennt man dich „Verlassene“, und dein Land heißt nicht mehr „Öde“, sondern man nennt dich „Meine Freude“ und dein Land „Vermählte“; denn der Herr hat an dir seine Freude und dein Land wird einen Gemahl haben. Denn wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so werden deine Söhne sich mit dir vermählen. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
In diesem Orakel des Propheten Jesaja wird eine ganze Stadt zu einer Person: Sie erhält einen neuen Namen und wird zur Braut Gottes, der als Bräutigam dargestellt wird. Gemeint ist Jerusalem, das nach den Jahren, in denen das Volk fern der Heimat verschleppt worden war und die Stadt verlassen und in Verwüstung gelegen hatte, endlich wieder zum wahren Ort Gottes wird. Die Personifizierung von Städten und Dingen ist in der Sprache des Alten Testaments nichts Neues und kündigt stets etwas anderes an, das kommen wird. Stellen wir uns heute also in dieses ideale Jerusalem und machen wir uns die Worte des alten Propheten zu eigen: Wir sind es, die nicht mehr verwüstet, sondern voller Freude sind, nicht mehr verlassen oder zerstört; und der Grund dafür ist, dass Gott Mensch geworden ist. Er ist der Emmanuel (das bedeutet: Gott mit uns), er ist Jesus. Er ist zu uns gekommen, um uns die Türen des Himmels zu öffnen, und er wird uns niemals verlassen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20), hat uns der Herr zugesichert. Das ist die Quelle all unserer Freude, und heute sind wir dazu berufen, sie im Geist lebendig zu erfahren.
ZWEITE LESUNG
Aus der Apostelgeschichte (Apg 13,16-17.22-25)
Paulus [der in Antiochia in Pisidien in die Synagoge gekommen war,] stand auf, gab mit der Hand ein Zeichen und sagte: „Männer von Israel und ihr Gottesfürchtigen, hört! Der Gott dieses Volkes Israel hat unsere Väter erwählt und das Volk während seines Aufenthalts in Ägypten aufgerichtet und es mit erhobenem Arm von dort herausgeführt. Dann erhob er David zu ihrem König, dem er das Zeugnis gab: ,Ich habe David, den Sohn des Isai, als einen Mann nach meinem Herzen gefunden; er wird alles tun, was mir gefällt.‘ Aus seinem Geschlecht hat Gott dem Volk Israel, der Verheißung gemäß, Jesus als Retter gesandt. Vor dessen Kommen hat Johannes dem ganzen Volk Israel eine Taufe der Umkehr verkündet. Als Johannes seinen Lauf vollendet hatte, sagte er: ,Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet; aber seht, nach mir kommt einer, dem die Schuhe von den Füßen zu lösen ich nicht wert bin.‘“ – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
Auf seiner ersten Missionsreise befindet sich Paulus mitten in Kleinasien, in Antiochia in Pisidien (heute Türkei), und predigt den dort ansässigen Juden. Sie wissen noch nichts über Christus; dies ist das erste Mal, dass sie von ihm hören. Paulus stellt Jesus sofort als Retter vor, ohne viele Umschweife. Um seine Rede gut zu begründen, erklärt er, dass Johannes der Täufer, dessen Ruf wahrscheinlich auch in jene fernen Gegenden gelangt war, bezeugt hatte, nur der Vorläufer zu sein; der wirklich vom Vater Gesandte aber sei Jesus. Auch heute verkündet die Kirche den Völkern immer wieder, dass wir nur einen Retter haben, nur einen, der die Sünden der Menschen gesühnt hat, nur einen, der Vermittler und Brücke zwischen uns und dem Himmel ist, nur einen Hohenpriester. Die Kraft der Botschaft liegt ganz in diesen Aussagen. Es sind Worte, die Herzen öffnen können, denn wir alle müssen verstehen, warum wir auf der Welt sind, was nach unserem Tod sein wird und welchen Wert unsere Taten haben. Alles führt daher zum Glauben an Christus. Alles Weitere folgt dann als Konsequenz unseres Glaubensaktes.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 1,1-25)
Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams: Abraham zeugte den Isaak, Isaak zeugte den Jakob, Jakob zeugte den Juda und seine Brüder. Juda zeugte den Perez und den Serach mit Tamar. Perez zeugte den Hezron, Hezron zeugte den Aram, Aram zeugte den Amminadab, Amminadab zeugte den Nachschon, Nachschon zeugte den Salmon, Salmon zeugte den Boas mit Rahab, Boas zeugte den Obed mit Rut, Obed zeugte den Isai, Isai zeugte den König David. David zeugte den Salomo mit der Frau des Urija. Salomo zeugte den Rehabeam, Rehabeam zeugte den Abija, Abija zeugte den Asa, Asa zeugte den Joschafat, Joschafat zeugte den Joram, Joram zeugte den Usija, Usija zeugte den Jotam, Jotam zeugte den Ahas, Ahas zeugte den Hiskija, Hiskija zeugte den Manasse, Manasse zeugte den Amos, Amos zeugte den Josija, Josija zeugte den Jojachin und seine Brüder zur Zeit der Verschleppung nach Babylon. Nach der Verschleppung nach Babylon zeugte Jojachin den Schealtiël, Schealtiël zeugte den Serubbabel, Serubbabel zeugte den Abiud, Abiud zeugte den Eljakim, Eljakim zeugte den Azor, Azor zeugte den Zadok, Zadok zeugte den Achim, Achim zeugte den Eliud, Eliud zeugte den Eleasar, Eleasar zeugte den Mattan, Mattan zeugte den Jakob, Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird. Im Ganzen sind es von Abraham bis David vierzehn Generationen, von David bis zur Verschleppung nach Babylon vierzehn Generationen und von der Verschleppung nach Babylon bis zu Christus vierzehn Generationen. Mit der Geburt Jesu Christi verhielt es sich so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.“ Dies ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn gebären und er wird den Namen Emmanuel tragen“, das heißt übersetzt: Gott mit uns. Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Er erkannte sie aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar. Und er gab ihm den Namen Jesus. – Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
Matthäus spricht von Jesus, dem Herrn, indem er weit ausholt, um zu bestätigen, dass alles, was über ihn gesagt wurde, wahr ist. Das Evangelium legt uns keine dürre Namensliste vor, sondern einen echten Stammbaum, um allen zu zeigen, dass Jesus aus dem Geschlecht Davids stammt, aus dem, wie gesagt worden war, der Messias kommen sollte. Dann greift es die Prophezeiung Jesajas auf, nach der die Geburt eines Kindes von einer Jungfrau erwartet wird. So geschieht es bei Jesus, der, wie das Evangelium ausdrücklich sagt, „von Maria geboren“ wurde. Alles fügt sich also zusammen. Alle Voraussetzungen sind gegeben, um zu glauben, dass Jesus der Erwartete, der vorausgesagte Messias ist. Man kann auch nicht glauben, denn Gott lässt uns frei; doch sein Wort weist uns deutlich den Weg, das Herz für den Glauben zu öffnen und uns von den alten Prophezeiungen an die Hand nehmen zu lassen, die auf den Weg nach Betlehem führen. Die Sterndeuter gelangten dorthin, obwohl sie die Schriften Israels nicht kannten, dank der Betrachtung des Himmels und der Sterne, und beteten ihn an. Alle Zeichen führen zu ihm, denn alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen (Kol 1,16). Die Schöpfung, die Geschichte der Völker - alles läuft auf diesen einen Punkt hinaus: die göttliche Menschwerdung Gottes. Und von dort aus beginnt alles neu.
In der Nacht
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 9,1-6)
Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Du machst groß den Jubel, du schenkst reiche Freude. Man freut sich vor deinem Angesicht, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird. Denn das Joch, das auf ihm lastete, den Stab auf seiner Schulter und den Stock seines Antreibers zerbrichst du wie am Tag von Midian. Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, im Blut gewälzt, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. Denn ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und in Ewigkeit. Der Eifer des Herrn der Heere wird das vollbringen. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Das Eingreifen Gottes in die Geschichte überrascht sogar den Propheten Jesaja, der in der Geburt eines Kindes das wichtigste Ereignis erkennt, das er dem Volk verkünden soll. Nichts ist gewöhnlicher und normaler als die Geburt eines Kindes, und doch wird dieser Tatsache eine überwältigende Bedeutung beigemessen. Zu seiner Zeit bezog sich Jesaja wahrscheinlich auf den König von Israel, für den die Geburt eines Sohnes die Garantie für den Fortbestand des Königreichs Israel in schwierigen Zeiten darstellte; doch zu Recht sehen sowohl die Evangelisten als auch die Tradition der Kirche in diesem Orakel die Ankündigung des wahren Messias und Königs, der einzig ist und Jesus heißt. Das angekündigte Kind trägt erhabene Titel: „Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“. Die Erwartung der ganzen Welt und aller Generationen findet ihr Ende und sammelt sich in der Grotte von Betlehem. Das Ereignis aller Ereignisse erfüllt sich: Gott selbst wird Mensch, tritt mit seiner menschlich-göttlichen Natur in Zeit und Raum ein und tritt auf menschliche Weise mit uns in Beziehung. Und er beginnt am Anfang: Er wird ein Kind, um alle Phasen des menschlichen Lebens kennenzulernen, sie zu durchlaufen, auf sich zu nehmen und sie alle zu erlösen.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief des heiligen Apostels Paulus an Titus (Tit 2,11-14)
Mein Sohn, die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den weltlichen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in der gegenwärtigen Welt zu leben, während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus. Er hat sich für uns hingegeben, um uns von aller Ungerechtigkeit zu erlösen und sich ein auserlesenes Volk zu schaffen, das ihm als sein besonderes Eigentum gehört und voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
In der Geburt eines Kindes in einer Grotte die „Gnade Gottes, die allen Menschen das Heil bringt“, zu erkennen, ist keineswegs leicht. Doch gerade dieser Sprung des Glaubens macht uns ganz und gar zu Menschen, denn alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen (Kol 1,16). Ohne Christus sind wir fern von Gott und vermögen den vollständigen Sinn der Dinge nicht zu verstehen; wir verstehen nicht einmal, warum wir geboren wurden und wozu wir auf der Welt sind. In Christus erfüllt sich alles, denn wir Menschen sind für ihn geschaffen, dazu bestimmt zu lieben und geliebt zu werden; wir haben kein anderes Glück als die Liebe. Doch nicht wir lieben zuerst: Gott hat uns geliebt. Weihnachten ist die Gelegenheit, die höchste Anbetung und Betrachtung des Geheimnisses Gottes zu leben, der „die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3,16). Heute gibt es keine Worte hinzuzufügen, sondern nur etwas anzunehmen und in der Stille zu leben. Versuchen wir, in unserem Herzen mehrmals die Worte zu wiederholen, die wir in dieser Nacht gehört haben: „Er hat sich für uns hingegeben.“ Wiederholen wir sie, kosten wir sie aus, leben wir sie.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 2,1-14)
In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich für sie die Tage der Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, aber der Engel sagte zu ihnen: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer; sie priesen Gott und verkündeten: „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede den Menschen, die er liebt.“ – Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
Gott tritt völlig still und verborgen in die Geschichte der Welt ein. Die „Menschwerdung“ Gottes hätte eigentlich eine völlige Erneuerung oder Erhöhung der gesamten Schöpfung bewirken sollen oder können. Stattdessen scheint alles normal zu bleiben: Jesus wird geboren, und die Stille bleibt. Den Weg, Gott in einem Kind kennenzulernen und zu erkennen, zeigen zuerst Maria und Josef: Sie glauben, beten an und hoffen. Sie stellen nicht viele Fragen, sondern glauben vollkommen und absolut, dass dieses Kind Gott ist. Dann kommen die Hirten, die die Verkündigung hören und zu glauben beginnen. Dann kommen wir, nach so vielen Jahren, so viel Geschichte und so vielen, auch widersprüchlichen Ereignissen der Menschheit. Die Welt scheint auch heute dieselbe geblieben zu sein, doch in Wirklichkeit hat sich alles verändert. Die Erneuerung geschieht im inneren, persönlichen Bereich, im Herzen. Der Weg der Befreiung vom Bösen ist wie ein unterirdischer, unsichtbarer Karstfluss. Die Hirten sind die Ersten, die sich auf diesen inneren und persönlichen Akt der Anbetung einlassen. Es gibt keine Engel mehr am Himmel zu sehen, kein faszinierendes und großartiges Schauspiel: Man muss hingehen und Gott in der demütigsten Vorstellung erkennen, die man sich denken kann - in der Gestalt eines Kindes. Und wenn wir es aufnehmen, verändert sich alles.
Morgenmesse
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 62,11-12)
Seht, der Herr lässt es bis an die Enden der Erde verkünden: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Retter kommt. Siehe, sein Siegespreis ist bei ihm und sein Siegeszeichen geht vor ihm her. Dann werden sie euch nennen: Heiliges Volk, Erlöste des Herrn. Und dich nennt man: Die Gesuchte, die niemals verlassene Stadt.“ – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Jesaja ist der Prophet mit dem weiten Blick. Andere Propheten des Alten Testaments wenden sich mit konkreten Mahnungen an das Volk Israel, mit Themen, die das religiöse Leben, die Pflichten der einzelnen Menschen und Ähnliches betreffen; Jesaja hingegen sieht Israel als das erste unter den Völkern, weil aus ihm der Messias, der Retter, hervorgehen wird, der für die ganze Welt und alle Generationen bis zum Ende der Zeiten bestimmt ist. Deshalb wird Jerusalem „Die Gesuchte“ genannt: weil es für das Leben der ganzen Welt von wesentlicher Bedeutung ist; und es heißt „die niemals verlassene Stadt“, weil ihr für immer die Quelle der Wahrheit und des Guten, Christus der Herr, gegeben ist. Diese Ankündigung des Alten Testaments passt gut zu Weihnachten, denn der „Gesuchte“ ist kein Ort, sondern eine Person: Jesus. Die nicht verlassene Stadt ist keine Ansammlung von Häusern und Palästen, sondern die Gemeinschaft aller Gläubigen an Christus, die den kommenden Herrn aufnehmen und dadurch nicht mehr sich selbst überlassen sind und niemals mehr verlassen werden. Die ganze Erwartung der Welt, alle vergossenen Tränen, alle ausgesprochenen Wünsche sammeln sich nun im Licht der Grotte von Betlehem, denn der Retter ist geboren.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief des heiligen Apostels Paulus an Titus (Tit 3,4-7)
Mein Sohn, als die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet - nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit, die wir vollbracht haben, sondern nach seinem Erbarmen durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist. Ihn hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter, damit wir durch seine Gnade gerecht gemacht werden und das ewige Leben erben, das wir erhoffen. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
Um die Liebe Gottes richtig zu verstehen, müssen wir in ihre Unentgeltlichkeit eintreten. Nichts war uns geschuldet, doch das Werk des Heils entspringt der Überfülle seiner Liebe. Adam hatte gesündigt und die ganze Schöpfung war in die Rebellion gestürzt. Kann die Liebe Gottes zulassen, dass das von ihm geliebte und gewollte Geschöpf in diesem Zustand der Not bleibt? Gott will, dass alle gerettet werden, und deshalb erscheinen in der Fülle der Zeiten nicht nur Jesus in seiner menschlichen Gestalt, sondern auch die Güte Gottes und seine Liebe zu den Menschen. Behalten wir diese beiden Aspekte stets fest im Gedächtnis: die Güte Gottes und seine Liebe. Gott will uns nicht nur vom Bösen retten, sondern uns ganz an seinem göttlichen Leben teilhaben lassen. Jesus ist nichts anderes als die Offenbarung der Güte und Liebe Gottes. Es stimmt, dass Jesus auch der Richter der Lebenden und der Toten ist, ebenso, dass er der Erlöser und Retter ist; doch alles muss stets innerhalb dieser beiden umfassenden Wirklichkeiten gesehen und verstanden werden: der Güte und der Liebe Gottes. Wir Menschen sind bisweilen gut und lieben unvollkommen, doch Gott offenbart sich in Christus Jesus als vollkommene Güte und absolute Liebe.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 2,15-20 )
Als die Engel von ihnen in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: „Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat.“ So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten. Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen gesagt worden war. – Evangelium unseres Herrn Jesus Christus
Kommentar zum Evangelium des Tages
Betrachten wir die Größe dieser einfachen Hirten. Erstens: Sie glauben. Sie hatten Engel am Himmel gesehen, die das Kommen des Messias auf unerwartete Weise ankündigten, nämlich in einem in einer Grotte geborenen Kind. Sie diskutieren nicht: Sie glauben. Zweitens: Sie gehen, sie machen sich auf den Weg. Sie bleiben nicht stehen, verschieben es nicht, lassen die Herde zurück und brechen auf. In ihrem Herzen tragen sie den Wunsch, das zu sehen, woran sie bereits glauben. Drittens: Sie berichten. Sie haben keine Angst, lächerlich zu wirken, wenn sie sagen, dass sie hier sind, weil die Engel es ihnen gesagt haben (man hätte sie für Fanatiker oder Halluzinierte halten können); sie berichten wahrheitsgemäß, was geschehen ist, und die reale Existenz dieses Kindes, von dem die Engel gesprochen hatten, bestätigt ihre Worte. Sie treten als Hauptpersonen in die heilige Geschichte ein, nehmen das Gehörte auf und berichten mit voller Aufrichtigkeit davon. Schließlich kehren sie zurück, verherrlichen Gott und loben ihn. Und doch haben sie keine wunderbaren Zeichen gesehen, das Kind hat kein Wunder gewirkt, alles war in ihren Augen normal, abgesehen von der Erscheinung der Engel. Ihr Glaube bricht in freudigem Gesang hervor: Sie tun nichts anderes, als sich den Engeln anzuschließen, die sich inzwischen an ihre himmlischen Orte zurückgezogen haben; so ersetzt der Gesang der Menschen den Gesang der Engelschöre.
Tagesmesse
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 52,7-10)
Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt, der zu Zion sagt: „Dein Gott ist König.“ Horch! Deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln; denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der Herr nach Zion zurückkehrt. Brecht gemeinsam in Jubel aus, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der Herr hat sein Volk getröstet, er hat Jerusalem erlöst. Der Herr hat seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker entblößt; alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Schon im Alten Testament erklingt der Lobgesang auf das Kommen des Herrn. Der Text spricht von der Rückkehr Gottes in sein Haus (Zion) nach der Zeit des Exils, doch die Prophezeiung weitet sich aus und kündigt ein anderes Kommen und ein anderes Reich an. Es geht nicht mehr um ein einzelnes Volk, das über das Ende des Exils jubelt, sondern um die ganze Welt, die das Heil unseres Gottes erkennt. All dies geschieht verborgen an Weihnachten, denn es handelt sich nicht um eine gesellschaftliche Eroberung oder um menschliche Macht über die ganze Welt: Es geht um das Kommen Christi in die Herzen, damit die Menschen, die ihn aufnehmen, das ewige Leben haben. Alles, was im Alten Testament noch teilweise ist, erfüllt sich im Universalen. Heute vereinen wir uns daher mit den Menschen aller Nationen und aller Zeiten, um das Kommen Christi auf Erden zu verherrlichen. Und wenn unser Ruf noch nicht alle Menschen auf materielle Weise erreicht, dürfen wir unseren Blick nicht von allen Menschen aller Zeiten abwenden; wir dürfen nicht darauf verzichten, alle zu umarmen und mit sicherem Glauben, vereint mit allen Engeln des Himmels, zu verkünden, dass Gott mit uns ist, der Emmanuel.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Hebräerbrief (Hebr 1,1-6)
Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben von allem eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort. Nachdem er die Reinigung von den Sünden bewirkt hatte, setzte er sich zur Rechten der Majestät in der Höhe; er ist umso viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er geerbt hat, ihren Namen überragt. Denn zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“, und weiter: „Ich will für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein“? Wenn er aber den Erstgeborenen in die Welt einführt, sagt er: „Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen.“ – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
Die Ankündigung ist feierlich. Dass Gott der Sohn ist und in der Welt sichtbar wird, indem er einen menschlichen Leib annimmt, ist ein überwältigendes Ereignis, an das wir uns niemals gewöhnen dürfen. „Alle Engel sollen ihn anbeten“, sagt der Text des Hebräerbriefs. Umso mehr beten wir heute gemeinsam mit ihnen Jesus an, wahren Gott und wahren Menschen. Noch bevor wir wissen und verstehen, was er in der Welt tun wird, erscheint uns seine Herablassung heute grenzenlos: Ihn in der Schwäche der menschlichen Natur sehen und anbeten zu dürfen (ein wenige Stunden altes Kind), erschüttert alle Vorstellungen, die wir uns von Gott machen können. Gott ist nun ganz dort, als hätte sich der Himmel geleert, denn der Vater ist im Sohn und Jesus in der Krippe besitzt den ganzen Heiligen Geist. Nein, er hat sich nicht geleert: Der Himmel ist auf die Erde gekommen. Anbetung ist das Nützlichste, was wir tun können. Wir können nicht von den Dingen leben, die allein sichtbar sind: Wir brauchen das Geheimnis und die Anbetung. Unsere wahre Natur ist nämlich die Anbetung, denn wir Menschen sind für Begegnung, Umarmung und Hingabe geschaffen. Und Gott wird im Kind Jesus sichtbar, um angebetet, geliebt und aufgenommen zu werden.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 1,1-18)
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Es war in der Welt und die Welt ist durch es geworden, aber die Welt erkannte es nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: „Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war.“ Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht. – Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
Das Evangelium der dritten Weihnachtsmesse verkündet den feierlichen Prolog des heiligen Johannes. Er betrachtet, was er gesehen hat, und bringt dessen Bedeutung zum Ausdruck. Johannes ist ein wahrhaft großer Theologe, der uns Gott erkennen lässt. Niemand hat Gott je gesehen, sagt er, und der Sohn hat ihn offenbart. Das Wort „offenbaren“ stammt vom lateinischen retro velum dare, was bedeutet, den Schleier zu heben. Im Theater wird der Vorhang hochgezogen und das Stück beginnt. Zuvor sieht niemand etwas, doch wenn sich der Schleier hebt, werden alle still und sehen die Szene, die bereits vorbereitet war. Das geschieht, wenn Jesus im menschlichen Fleisch erscheint: Die Menschen sehen Gott, denn nur der Sohn kann den „Schleier heben“ und uns das Antlitz des Vaters zeigen. Nur er kennt ihn, nur er lebt aus ihm. Ja, ohne Jesus erscheint alles sinnlos, und auch „Gott“ bleibt ein leeres, ja unzugängliches Wort. In Christus aber besitzen wir nun die Fülle, und unsere inneren Augen betrachten das Antlitz des Vaters. Im Himmel wird uns nichts Größeres gegeben werden, denn der Himmel hat auf Erden bereits begonnen. Der Himmel ist eine Person: der auferstandene Christus. Suchen wir nichts anderes, suchen wir nicht weiter: Wir haben bereits alles. Kommt, lasst uns in Stille anbeten und Gott im neugeborenen Kind betrachten.


