Texte aus dem Messbuch „Auf dein Wort“ November-Dezember 2024
Weihnachten des Herrn (H)
Eigenfeier
Messe in der Nacht
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 9,1-6 )
Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Du mehrst die Freude, du schenkst große Freude. Man freut sich vor deinem Angesicht, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird. Denn das Joch seiner Last, die Stange auf seiner Schulter, den Stock seines Antreibers zerbrichst du wie am Tag von Midian. Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, im Blut gewälzt, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Die große Herrschaft und der dauernde Friede auf dem Thron Davids und in seinem Reich werden kein Ende haben; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und in Ewigkeit. Der leidenschaftliche Eifer des Herrn der Heerscharen wird das vollbringen. – Wort des Herrn.
Auslegung zur ersten Lesung
Die ganze Aufmerksamkeit richtet sich auf ein Kind, das geboren wird. An sich stellt dieses Ereignis nichts Außergewöhnliches dar, denn jeden Tag werden Tausende von Kindern geboren und sie alle brauchen sofort ihre Mutter, sind verletzlich und auf alles Mögliche angewiesen. Wie können wir in Jesus die Zeichen der Königsherrschaft erkennen, die Jesaja verkündet? Wie können wir in ihm, wenige Stunden nach seiner Geburt in den Armen der Jungfrau, den starken Gott und den Vater in Ewigkeit sehen? Durch den Glauben, denn die Verkündigung kommt von Gott. Er ist ein Kind, damit wir stolzen Menschen die „Schwachheit“ bewundern können, der sich Gott unterwirft, um geliebt zu werden. Er herrscht nämlich nicht mit blutigen Zeptern und zum Himmel erhobenen Schwertern, um zu zerstören, sondern er ist König auf der Ebene der Liebe, der Güte, jener Barmherzigkeit, die das Wesen des Lebens Gottes selbst ausmacht. Um Christus aufzunehmen, müssen auch wir wirklich neu geboren werden, wie Jesus zu Nikodemus sagt (Joh 3,7). Der Weg Gottes ist eine vollkommene Überraschung, die uns demütig und klein macht und uns durch die Schwachheit in das Reich der Liebe eintreten lässt.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief des heiligen Apostels Paulus an Titus (Tit 2,11-14)
Mein Sohn, die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben, während wir auf die selige Hoffnung und die Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus warten. Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse und für sich ein auserlesenes Volk schaffe, das ihm als sein besonderes Eigentum gehört und voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun. – Wort des Herrn.
Auslegung zur zweiten Lesung
Der Sinn der Menschwerdung des Wortes ist meisterhaft in diesen Worten des heiligen Paulus an Titus zusammengefasst. Indem Gott Mensch geworden ist und uns seinen eigenen Geist geschenkt hat, verändert er unser Leben, weil er uns befähigt, göttliche Taten zu vollbringen, indem wir Gott selbst und die Menschen mit all unseren Kräften lieben. Es gibt jedoch auch eine noch ausstehende Offenbarung, das zweite Kommen des Wortes, was unsere Hoffnung in Zeiten der Müdigkeit oder Schwäche lebendig hält. Unser Leben besitzt daher, auch wenn es in den Augen der Menschen kurz oder unbedeutend ist, einen absoluten Wert, weil wir am göttlichen Leben selbst teilhaben und so sehr „eins“ mit ihm sind, wie wir es niemals erwartet hätten. „Ich fühle, dass ich mit Gott die Welt erschaffe“, sagte die selige Maria von der Menschwerdung. Lassen wir uns von diesen Worten inspirieren und seien wir wirklich in ihm, um an all seinen Taten teilzuhaben. Besonders durch die Taten der Liebe spüren wir, dass uns nichts verschlossen ist und dass das Leben der Welt weit mehr in unseren Händen liegt, als es in den Händen der Menschen liegt, die die Staaten regieren.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 2,1-14)
In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und dem Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: «Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.» Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer; sie priesen Gott und sprachen: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die er liebt.» – Evangelium des Herrn.
Auslegung zum Evangelium des Tages
Könnt ihr euch das Schauspiel vorstellen, wie der ganze Himmel sich mit Engeln füllt, die mit harmonischer Stimme singen? Gewiss ist das etwas Sensationelles. Für einige Augenblicke sehen die Hirten durch göttliche Gunst das, was sich in der himmlischen Welt ereignet, wenn Gott in die Welt kommt. Nach diesem Zeichen kehrt alles zum Gewohnten zurück, und der Anblick des in Windeln gewickelten Kindes in den Armen Mariens, der heiligsten Jungfrau (für die Hirten war sie einfach eine ganz gewöhnliche junge Ehefrau), besitzt an sich keinen Glanz. Hier zeigt sich also der Schritt des Glaubens. Diese einfachen Menschen glauben, weil sie in das Wunder des offenen Himmels eingetaucht sind, und richten so ihr Leben auf die Anbetung Christi aus. Sie glauben an das gewöhnliche „Zeichen“ (das Kind), weil sie wissen, dass es keineswegs gewöhnlich ist: Dieses Kind ist der Herr der Welt. So wird es von diesem Augenblick an sein: Große Zeichen werden in der Kirche nicht fehlen (die verschiedenen Wunder der Heiligen), doch sie wären nutzlos, wenn es nicht den Glauben gäbe, der uns in das göttliche Leben eintreten lässt. In der Eucharistie sehen wir nichts Spektakuläres und nichts, das uns vor Rührung ohnmächtig werden ließe, und doch ist sie unser ewiges Leben, die Gabe aller Gaben, der Weg des Heils!
Messe am Tag
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 52,7-10)
Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Heil verkündet, der zu Zion sagt: «Dein Gott ist König.» Horch! Deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln; denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der Herr nach Zion zurückkehrt. Brecht in Jubel aus, jauchzt zusammen, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der Herr hat sein Volk getröstet, er hat Jerusalem erlöst. Der Herr hat seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker entblößt, alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes. – Wort des Herrn.
Auslegung zur ersten Lesung
Endlich entfaltet sich hier der Universalismus Jesajas in seiner ganzen Klarheit und Endgültigkeit: Alle Enden der Erde werden sehen. Was werden sie sehen? Das „Heil unseres Gottes“, und es ist die Stimme Christi, es ist das Evangelium. Das Wirken Gottes ist seit jeher universal, und Israel hat seine Aufgabe erfüllt (darin ist der heilige Paulus ganz eindeutig), weil der Messias gekommen ist. Es heißt, dass alle „sehen werden“, nicht, dass sie „davon hören werden“. Aber ist die Schau nicht nur dem Paradies vorbehalten? Wer hat hier auf Erden Gott je gesehen oder sieht ihn noch heute? Man sieht ihn in den verwandelten Leben, in der Erfahrung der Heiligen. Die Kirche ist nämlich heilig, weil sie vom Heiligen Geist bewohnt wird, und diejenigen, die von ihm erfüllt sind und ihr Leben verändert haben, machen Gott „sichtbar“. Wenn die Menschen dem heiligen Franz von Assisi begegneten, sagten sie, sie hätten den Eindruck gehabt, Gott zu sehen; auf gewisse Weise machten sie durch das so transparente und leuchtende Leben des Heiligen aus Assisi eine Erfahrung Gottes. Das kann jedoch für jeden von uns wahr sein: Durch unsere verwandelte Menschlichkeit können andere Gott sehen.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief an die Hebräer (Hebr 1,1-6)
Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern durch die Propheten gesprochen; in dieser Endzeit hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben von allem eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort. Nachdem er die Reinigung von den Sünden bewirkt hatte, hat er sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt; er ist umso viel erhabener geworden als die Engel, wie der Name, den er geerbt hat, ihren Namen überragt. Denn zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt: «Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt», und weiter: «Ich will für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein»? Wenn er aber den Erstgeborenen in die Welt einführt, sagt er: «Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen.» – Wort des Herrn.
Auslegung zur zweiten Lesung
Im alten Israel hatten die Engel eine sehr wichtige Rolle; sie galten als Vermittler zwischen Gott und den Menschen. Einige rabbinische Quellen sagen, dass sogar das Gesetz des Mose, das auf dem Berg Sinai gegeben wurde, von den Engeln im Namen Jahwes übermittelt worden sei. Und wie oft sind die Engel den alten Israeliten erschienen! Auch der heilige Josef träumte mehrmals von Engeln, die ihm sagten, was er tun sollte. Gerade deshalb muss klargestellt werden, dass der Sohn kein Vermittler ist, wie es die Engel sind, und auch kein bloßer Mensch (der eine menschliche Natur besitzt, die der engelhaften untergeordnet ist), sondern ein ganz besonderer Sohn, der Erbe aller Dinge und derjenige, durch den die Welt selbst geschaffen wurde. Der Sohn ist Gott, und tatsächlich wird ihm das Wort „gezeugt“ vorbehalten (ein Ausdruck, der im Glaubensbekenntnis wiederaufgenommen wird: «Gezeugt, nicht geschaffen»). Um jedes Missverständnis auszuschließen, wird daher das Kommen des Sohnes verkündet, der kein Mensch und kein Engel ist, sondern der Gott-Mensch. Die Engel selbst beten den Herrn Jesus an, sowohl im Augenblick seines Kommens auf die Erde als auch jetzt im Himmel.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Joh 1,1-18)
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. Ein Mensch trat auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Es war in der Welt und die Welt ist durch es geworden, aber die Welt erkannte es nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Johannes legt Zeugnis für ihn ab und ruft: «Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war.» Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der einzige Sohn, der Gott ist und im Schoß des Vaters ist, er hat Kunde gebracht. – Evangelium des Herrn.
Auslegung zum Evangelium des Tages
Den Prolog des Johannes muss man in einem betrachtenden Geist lesen. Hier geht es nicht so sehr darum, ihn zu „verstehen“, sondern Satz für Satz langsam zu verinnerlichen, denn in diesen Zeilen ist das Geheimnis unseres Glaubens enthalten. Johannes betont stark, dass das Wort Fleisch geworden ist und einen menschlichen Körper angenommen hat. Es ist kein Geist, der nur „wie“ ein Mensch erscheint, sondern wirklich ein Mensch ist derjenige, der am Anfang «bei Gott» war und selbst Gott ist. Beachten wir die Bedeutung, die der Evangelist der Aufnahme entgegenbringt, die wir ihm schenken müssen, um Kinder Gottes zu werden. Man wird also nicht als Kind Gottes geboren, sondern wird es, indem man ihn im Glauben aufnimmt. Die Glaubenden sind aus Gott geboren, weil sie dem Wort dessen vertrauen, der den Vater sieht und ihn der Welt offenbart. Heute lebt man in der Kirche weiterhin dieses Geheimnis und diese Aufnahme: Durch die Taufe werden wir Kinder Gottes, und im Glauben betrachten wir den Vater mit den Augen des Sohnes. Man ist also zunächst nicht durch die Werke Christ, sondern durch den Glauben und die Sakramente. Der heilige Johannes Paul II. sagte zu christlichen Familien mit Nachdruck: «Familie, werde, was du bist!» Wir können dasselbe von jedem getauften Christen sagen: «Werde, was du bist!»


