Die Kommentare zur Liturgie des Tages aus dem Messbuch „Auf dein Wort“ für September/Oktober 2020.
24. Sonntag im Jahreskreis (A)
4. Woche im Psalter
ERSTE LESUNG
Lesung aus dem Buch Jesus Sirach (Sir 27,33 – 28,9 (NV) [gr. 27,30 – 28,7])
Groll und Zorn sind abscheuliche Dinge, und der Sünder hält an ihnen fest. Wer sich rächt, an dem wird sich der Herr rächen; dessen Sünden behält er im Gedächtnis. Vergib deinem Nächsten sein Unrecht, dann werden dir, wenn du betest, deine Sünden vergeben. Ein Mensch, der gegen einen anderen Menschen im Zorn verharrt, wie kann er da vom Herrn Heilung erwarten? Er hat kein Erbarmen mit seinem Mitmenschen und wagt es, wegen seiner eigenen Sünden zu beten? Er selbst, der nur Fleisch ist, verharrt im Groll; wer wird ihm dann seine Sünden vergeben? Denk an das Ende und lass ab vom Hass, an Auflösung und Tod, und halte fest an den Geboten. Denk an die Gebote und grolle deinem Nächsten nicht, an den Bund des Höchsten, und vergiss die Fehler anderer. Wort des Herrn.
Kommentar zur ersten Lesung
Es gibt einige Bücher der Bibel, die in unseren Liturgien nur selten gelesen werden. Die heutige erste Lesung stammt gerade aus einem dieser Bücher: Jesus Sirach. Ein eigenartiger Name, zu dem einige Worte vielleicht nützlich sind. Es handelt sich um ein Buch des Alten Testaments, das um 180 v. Chr. verfasst und 132 v. Chr. ins Griechische übersetzt wurde. Sein Verfasser ist ein gewisser Jesus, der Sohn des Sirach, und in den 51 Kapiteln fasst er beinahe die gesamte Weisheit der jüdischen Überlieferung zusammen: Regeln der Höflichkeit, Vorschriften, Achtung vor dem Gottesdienst, das Bestehen der Prüfungen des Lebens, die Gottesfurcht, die rechten Beziehungen zur politischen Obrigkeit und zum Nächsten. Heute zeigt sich unser Jesus, der Sohn des Sirach, beinahe als Prophet: Er nimmt vorweg, was eines der Themen des Vaterunsers eines anderen Jesus, des Sohnes Gottes, sein wird. Eine eindringliche Einladung, die Beziehungen auf Barmherzigkeit und Vergebung zu gründen und die Rache aus unserem Leben zu verbannen, indem wir diese Entscheidungen mit Gottes eigenem Handeln uns gegenüber verbinden. Es ist tröstlich zu wissen, dass wir, wenn wir auf die tiefen Regungen des Herzens hören, bereits den Samen der Gegenwart des Herrn Jesus finden, der ewig ist wie der Vater.
ZWEITE LESUNG
Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer (Röm 14,7-9)
Brüder und Schwestern, keiner von uns lebt für sich selbst, und keiner stirbt für sich selbst. Denn wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder zum Leben erweckt worden, dass er Herr sei über Tote und Lebende. Wort des Herrn.
Kommentar zur zweiten Lesung
Was ist trauriger, als für sich selbst zu leben? Der Mensch, der in sich selbst verschlossen lebt und sich ständig um seine Bedürfnisse und Wünsche dreht, erfährt den Tod im Voraus. Das Leben ist wesentlich Beziehung. Wir geben uns das Leben nicht selbst; wir brauchen die anderen, um zu wachsen, zu lernen und zu lieben. Und unter all den anderen gibt es den Anderen, Gott, den Einzigen, der allem, was begrenzt und vergänglich erscheint, einen ewigen Sinn geben kann. Wenn das Leben für sich selbst ein Zeichen einer schweren Krankheit ist und das Leben für andere uns manchmal enttäuschen und die Grenzen jeder Beziehung erfahren lassen kann, dann können wir nur im Leben für Gott, der ewig bleibt, die Erfahrung eines Lebenssinns machen, der nicht vom Virus des Todes und der Begrenztheit befallen wird. Der Apostel Paulus ruft den Christen in Rom diese Wahrheit nachdrücklich ins Gedächtnis. Für den Herrn zu leben bedeutet nicht in erster Linie und nicht nur, für ihn zu leben, um ihm zu dienen, sondern auch, dank ihm zu leben. Ich lebe dank dir, mein Gott, oder, wie der Diener Gottes, Don Luigi Giussani, zu sagen pflegte: „Ich bin Du, der mich macht.“ Das Leben findet den ewigen Horizont eines jeden seiner Augenblicke.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 18,21-35)
In jener Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: „Herr, wenn mein Bruder gegen mich sündigt, wie oft muss ich ihm vergeben? Bis zu siebenmal?“ Jesus sagte zu ihm: „Nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebenundsiebzigmal. Deshalb ist das Himmelreich mit einem König zu vergleichen, der beschloss, mit seinen Knechten abzurechnen. Als er mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er seine Schuld nicht begleichen konnte, befahl der Herr, ihn mit seiner Frau, seinen Kindern und seinem ganzen Besitz zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und flehte: ‚Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.‘ Der Herr hatte Mitleid mit dem Knecht, ließ ihn frei und erließ ihm die Schuld. Als nun der Knecht hinausging, traf er einen anderen Knecht, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn am Hals und würgte ihn mit den Worten: ‚Begleiche deine Schuld!‘ Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: ‚Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.‘ Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Als die übrigen Knechte sahen, was geschehen war, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: ‚Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?‘ Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn ihr nicht von Herzen eurem Bruder vergebt, jeder seinem Bruder.“ Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
In der Bibel sind Zahlen niemals nur Zahlen. So wie auch wir im Alltag Redewendungen mit Zahlen verwenden, deren Bedeutung über den materiellen Sinn hinausgeht - man denke nur an Sätze wie: „Wir machen ein paar Schritte“ oder: „Wir kochen uns ein bisschen Spaghetti“, die viel mehr bedeuten als das, was sie wörtlich sagen -, so steht in der Bibel die Zahl sieben immer für die Vollendung des Werkes Gottes. Sie bezeichnet den Sabbat, den heiligsten Tag schlechthin, und die Vollkommenheit des Werkes Gottes, das in sechs Tagen vollbracht wird und am siebten Tag zur Betrachtung gelangt. Der Apostel Petrus stellt die Frage, wie oft man dem Bruder vergeben soll, und glaubt, damit einen guten Eindruck zu machen; er hat das Höchste genannt, was der menschliche Verstand sich vorstellen kann. Jesus nimmt dieses Höchste und führt es ins Unendliche. Nur das Unendliche kann nämlich das Maß der Liebe und damit der Vergebung sein. Jesus verwendet ein Gleichnis, damit Petrus und wir die angemessene Antwort formulieren können. Das Gleichnis hat die Kraft, uns in die Situation hineinzunehmen; es fordert uns heraus, uns darin zu lesen und zu erkennen, mit welcher der Figuren wir uns identifizieren. Wie kleinlich muss das Herz dieses bösen Knechtes gewesen sein, der, obwohl ihm vergeben wurde, nicht bereit ist zu vergeben! Und unser Herz?

