Texte aus dem Messalino „Auf dein Wort“ Mai-Juni 2024
Pfingstsonntag (H) (B)
eigene Texte
Abendmesse mit verlängerter Vigilfeier
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch Genesis (Gen 11,1-9)
Die ganze Erde hatte eine Sprache und ein und dieselben Worte. Als die Menschen vom Osten her aufbrachen, kamen sie in eine Ebene im Land Schinar und ließen sich dort nieder. Sie sagten zueinander: „Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu!“ So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Bausteine und Erdpech als Mörtel. Dann sagten sie: „Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, sodass wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen!“ Da stieg der Herr herab, um sich die Stadt und den Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Der Herr sagte: „Siehe, ein Volk sind sie und haben alle eine Sprache. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht!“ Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. Darum nannte man sie Babel, denn dort verwirrte der Herr die Sprache der ganzen Erde und von dort aus zerstreute sie der Herr über die ganze Erde. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Das Wirken des Heiligen Geistes will in uns das Bild und die Ähnlichkeit mit Gott vollenden, die uns in der Schöpfung eingeprägt wurden, während die weltliche Logik die Selbstverwirklichung in der Vergessenheit und Gleichgültigkeit gegenüber Gott sucht, als verdiene er im Leben des Menschen keinerlei Beachtung - genau wie beim Bau des Turms von Babel. Der Mensch will weiterhin aus eigener Kraft den Turm von Babel bauen, um aus eigener Kraft die Höhe Gottes zu erreichen, um wie Gott zu sein. Babel ist die Anti-Pfingsten, die Verzweiflung und Unverständlichkeit hervorbringt: Der Mensch wird sich niemals selbst finden, wenn er in sich verschlossen bleibt, sondern nur, wenn er aus sich herausgeht. Es ist absurd, für einen Namen zu leben, indem man einen törichten Turm baut, aber es ist nicht unmöglich, sein Leben damit zu verbringen. Es ist nicht unmöglich, in Besitz und Eitelkeit zu leben und sein eigenes Leben zu vergeuden; im Gegenteil, es kommt ziemlich häufig vor. Am Ende spricht jeder die Sprache seines eigenen Turms. Gott kommt uns zu Hilfe, indem er uns mit dem Stachel der Einsamkeit heimsucht, damit in uns die Sehnsucht nach einem größeren Gut erwacht.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Buch Exodus (Ex 19,3-8a.16-20b)
In jenen Tagen stieg Mose zu Gott hinauf und der Herr rief ihm vom Berg her zu: „Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden: Ihr habt selbst gesehen, was ich den Ägyptern angetan und wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe. Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein; denn mir gehört die ganze Erde. Ihr sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.“ Diese Worte sollst du den Israeliten sagen. Mose ging und rief die Ältesten des Volkes zusammen. Er legte ihnen alles vor, was ihm der Herr aufgetragen hatte. Das ganze Volk antwortete einstimmig und sagte: „Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun!“ Am dritten Tag, im Morgengrauen, waren Donner und Blitze zu sehen. Eine dichte Wolke lag über dem Berg und sehr lauter Hörnerschall erklang. Das ganze Volk im Lager begann zu zittern. Mose führte das Volk aus dem Lager hinaus, Gott entgegen. Sie stellten sich am Fuß des Berges auf. Der ganze Sinai war in Rauch gehüllt, weil der Herr im Feuer auf ihn herabgestiegen war. Der Rauch stieg wie der Rauch eines Schmelzofens auf und der ganze Berg bebte heftig. Der Hörnerschall wurde immer lauter. Mose redete und Gott antwortete ihm mit donnernder Stimme. Der Herr stieg auf den Berg Sinai, auf den Gipfel des Berges, und der Herr rief Mose auf den Gipfel des Berges. –
Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
„Ihr habt selbst gesehen […] wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe.“ Indem der Herr uns emporgetragen hat, lehrte er uns, ihn besser zu erkennen. Die Adlerflügel sind ein Bild der Größe und bringen zum Ausdruck, wie wir durch die göttliche Macht der Liebe emporgetragen wurden, die wir selbst erfahren haben. „Gut“, sagt der Herr nun, „jetzt, da ihr angekommen seid, können wir, wenn ihr wollt, einen Bund schließen, einen Vertrag zwischen uns eingehen, damit ihr mein ,besonderes Eigentum unter allen Völkern‘ seid.“ Der Begriff, den Gott für „Eigentum“ verwendet (segullàh), war die Bezeichnung der Hirten für die Schafherde, die ihnen selbst gehörte. Gott hat sich ein Volk erwählt, damit es sein Volk sei, nicht als Ausschluss der anderen, sondern weil er durch dieses Volk alle anderen Völker erreichen will. „Ich habe euch erwählt“, sagt der Herr, „um gemeinsam mit euch den Rest der Welt zu erreichen.“ Diesen Bund anzunehmen bedeutet, „ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk“ zu werden. Im neuen Bund ist all das für die Kirche Wirklichkeit geworden.
DRITTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Ezechiel (Ez 37,1-14)
In jenen Tagen legte sich die Hand des Herrn auf mich und der Herr führte mich im Geist hinaus und versetzte mich mitten in eine Ebene. Sie war voll von Knochen. Er führte mich ringsum an ihnen vorüber. Und siehe, es waren sehr viele über die Ebene hin und sie waren ganz ausgetrocknet. Er fragte mich: „Menschensohn, können diese Knochen wieder lebendig werden?“ Ich antwortete: „Herr und Gott, das weißt nur du.“ Da sagte er zu mir: „Sprich als Prophet über diese Knochen und sag zu ihnen: Ihr ausgetrockneten Knochen, hört das Wort des Herrn! So spricht Gott, der Herr, zu diesen Knochen: Siehe, ich bringe Geist in euch, dann werdet ihr lebendig. Ich bringe Sehnen auf euch und umgebe euch mit Fleisch; ich überziehe euch mit Haut und bringe Geist in euch, dann werdet ihr lebendig. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin.“ Da sprach ich als Prophet, wie mir befohlen war. Und während ich redete, entstand ein Geräusch: Siehe, ein Beben: Die Knochen rückten zusammen, Knochen zu Knochen. Und ich sah: Sehnen und Fleisch kamen auf sie und Haut überzog sie von oben; doch es war kein Geist in ihnen. Da sagte er zu mir: „Sprich als Prophet zum Geist, sprich als Prophet, Menschensohn, und sag zum Geist: So spricht Gott, der Herr: Geist, komm herbei aus den vier Winden und hauche diese Erschlagenen an, damit sie lebendig werden!“ Da sprach ich als Prophet, wie er mir befohlen hatte, und es kam Geist in sie. Sie wurden lebendig und standen auf ihren Füßen: ein sehr großes Heer. Und er sagte zu mir: „Menschensohn, diese Knochen sind das ganze Haus Israel. Siehe, sie sagen: Unsere Knochen sind ausgetrocknet, unsere Hoffnung ist dahin, wir sind abgeschnitten. Deshalb sprich als Prophet und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Siehe, ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zum Land Israel. Und ihr werdet erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. Ich gebe meinen Geist in euch, dann werdet ihr lebendig und ich bringe euch wieder auf euren Boden. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich habe gesprochen und ich führe es aus“ - Spruch des Herrn.
Kommentar zur dritten Lesung
Was bedeutet es, dass Jesus auferstanden ist? Es bedeutet, dass die Liebe Gottes stärker ist als das Böse und sogar als der Tod; es bedeutet, dass die Liebe Gottes unser Leben verwandeln und jene Wüstengebiete in unserem Herzen zum Blühen bringen kann. Das ist Ostern: Es ist der Exodus, der Übergang des Menschen aus der Sklaverei der Sünde und des Bösen in die Freiheit der Liebe und des Guten. Christus ist ein für alle Mal und für alle gestorben und auferstanden, doch die Kraft der Auferstehung - dieser Übergang von der Sklaverei des Bösen zur Freiheit des Guten - muss sich zu jeder Zeit in den konkreten Bereichen unseres Daseins, in unserem täglichen Leben, verwirklichen. Wie viele Wüsten muss der Mensch auch heute durchqueren! Vor allem die Wüste in uns, wenn die Liebe zu Gott und zum Nächsten fehlt, wenn uns das Bewusstsein fehlt, dass wir Hüter all dessen sind, was der Schöpfer uns geschenkt hat und schenkt. Dennoch kann die Barmherzigkeit Gottes auch die trockenste Erde zum Blühen bringen und den ausgetrockneten Knochen Leben zurückgeben. Lassen wir zu, dass die Macht Gottes auch unser Leben verwandelt, damit wir Werkzeuge dieser Barmherzigkeit werden.
VIERTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Joel (Joël 3,1-5)
So spricht der Herr: „Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden zu Propheten, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer werden Visionen sehen. Auch über Knechte und Mägde werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen. Ich werde Wunder wirken am Himmel und auf der Erde: Blut und Feuer und Rauchsäulen. Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und schreckliche Tag. Und es wird geschehen: Wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet. Denn auf dem Berg Zion und in Jerusalem wird Rettung sein, wie der Herr gesagt hat, und jeder wird gerettet, den der Herr ruft.“ – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur vierten Lesung
„Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden zu Propheten.“ Prophetisch zu reden bedeutet, wirklich Werkzeug eines göttlichen Wirkens zu sein. Der Prophet ist das Werkzeug, durch das Gott wirkt, spricht und handelt und so der Menschheitsgeschichte Gestalt gibt. Die Botschaft ist klar und zugleich erschütternd: Gott lebt durch uns. Das ist unsere Berufung: Gott die Freiheit zu lassen, durch all das zu wirken, was wir sind. Wie ein altes Gebet sagt: „Wir sind die einzige Bibel, die die Völker noch lesen, wir sind Gottes letzte Botschaft, geschrieben in Taten und Worten.“ Es gibt einen Moment in der Messe, in dem wir eingeladen sind, diese Hingabe erneut zu leben: die Gabenbereitung. Pater Pio sagte, die Gabenbereitung sei der Augenblick, in dem die Seele vom Profanen getrennt werde. In diesem Augenblick, vom Wort erleuchtet, bringen wir uns selbst Gott dar: den Leib, den Geist, alles, was uns im Laufe des Tages widerfahren wird, das Leben, die Mühen, die Schmerzen, die Bitten, alles. So treten wir mit unserer Freiheit in Gottes Plan ein und sagen zu ihm: Das ganze Leben ist dein; nimm es an, nimm es, verwandle mich in dich.
EPISTEL
Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer (Röm 8,22-27)
Brüder und Schwestern, wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber nicht nur sie, sondern auch wir, die wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne und Töchter offenbar werden. Denn in dieser Hoffnung sind wir gerettet. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld. So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. Der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur Epistel
„In dieser Hoffnung […] sind wir gerettet.“ Genau so ist es. Die christliche Hoffnung enttäuscht niemals, weil sie in der Liebe verwurzelt ist, die Gott selbst jedem von uns entgegenbringt. Die christliche Hoffnung ist eine Gewissheit für die Zukunft aufgrund der Gnadengabe, die wir bereits in der Gegenwart erfahren; sie ist nicht einfach etwas, sondern jemand, genau wie Franz von Assisi in den Lobpreisungen des Höchsten Gottes singt: „Du bist unsere Hoffnung!“ Die Hoffnung trägt das Antlitz und den Namen Jesu. Wäre es nicht so, wäre sie nur ein schöner Traum, für den wir jedoch keinerlei Gewissheit hätten. Die Hoffnung ist schön: Sie ist jene von Gott in uns eingegossene göttliche Tugend, die uns große Kraft gibt, durchs Leben zu gehen. Die Hoffnung ist ansteckend: Wenn unser Herz von ihr erfüllt ist, kann es sie nicht zurückhalten, sondern spürt, dass sie alle erreichen muss. Der Geist kommt unserer Schwachheit zu Hilfe, entzündet das Herz, betet in uns, wirkt, verwandelt alles und öffnet vor uns den Horizont der Hoffnung und der vollständigen Erlösung, während wir erwarten, dass sich die selige Hoffnung erfüllt und unser Retter Jesus Christus kommt.
EVANGELIUM
Aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 7,37-39)
Am letzten Tag des Festes, dem großen Tag, stellte sich Jesus hin und rief: „Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben; denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war. – Wort des Herrn.
Kommentar zum Tagesevangelium
Der Heilige Geist ist der Motor des christlichen Lebens. Von ungeheurer Kraft ist das Bild Jesu, der aufrecht steht und mit lauter Stimme ruft: „Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Das Bild, das anschließend in Bezug auf das Herz Christi nahegelegt wird, ist das eines Herzens, das zur Quelle der Gabe des Geistes wird. Es gehört zum Wesen des Geistes, unser Herz nach dem Bild des Herzens Christi zu einem Quellort der Liebe, des Gebets und des Zeugnisses zu machen. Vielleicht müssen wir unsere Vorstellung von der Gabe des Heiligen Geistes überdenken. Der Geist, sagte ein Mönch, erfüllt die Herzen nicht, um sie wie Gänse zu mästen oder sie wie Fußbälle aufzublähen, sondern um sie zu einer Quelle der Liebe und des Gebets zu machen. Mehr als eine Füllung bewirkt der Geist in uns eine Entleerung, damit er in uns wie im Herzen Christi mit einer Liebe ohne Gegenleistung hervorsprudeln kann. Um vom Geist erfüllt zu sein, muss man sich daher selbst entleeren, wie Maria, die mystische Braut des Heiligen Geistes.
Zur Tagesmesse
ERSTE LESUNG
Aus der Apostelgeschichte (Apg 2,1-11)
Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: „Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wie kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asia, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch Römer, die in Jerusalem wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.“ – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Am Pfingsttag flammt das Feuer des Heiligen Geistes im Herzen der Apostel auf, die unermüdlich und freudig beginnen, von Jesus zu sprechen. Die Jünger sind gemeinsam im Abendmahlssaal, in diesem „großen Saal“, in dem die Stunde der tiefsten Vereinigung mit Gott anbricht. Der Abendmahlssaal ist ein „bereits vorbereiteter“ und zugleich noch vorzubereitender Ort, ein eucharistischer Ort, ein priesterlicher Ort, ein wundersamer und missionarischer Ort. Er ist der Ort der Ausgießung des Heiligen Geistes. Außerhalb des Abendmahlssaals steht eine erstaunte und verwunderte Menge, die in ihrer eigenen Sprache die Erzählung von den großen Taten Gottes hört. Immer, wenn der Geist wirkt, bleibt die Welt verblüfft. Das Schöne ist, dass Pfingsten nicht gestern angehört, sondern der heutige Tag der Kirche ist. Es ist nicht auf ein Fest beschränkt, denn die ewige Liebe Gottes kann nicht auf eine Zeit begrenzt werden. Am Pfingsttag wird die Sprache der Menschen zur Sprache des Heiligen Geistes. In der Kirche wie in jeder Gemeinschaft muss sich dieses Wunder immer wieder erneuern. Mehr denn je ist es dringend nötig, die Türen für den Geist weit zu öffnen.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Galater (Gal 5,16-25)
Brüder und Schwestern, lebt aus dem Geist, dann werdet ihr nicht den Begierden des Fleisches folgen. Denn das Begehren des Fleisches richtet sich gegen den Geist, das Begehren des Geistes aber gegen das Fleisch; beide stehen sich als Feinde gegenüber, sodass ihr nicht imstande seid, das zu tun, was ihr wollt. Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz. Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst und Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid, maßloses Trinken und Gelage und Ähnliches mehr. Ich wiederhole, was ich euch schon früher gesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben. Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Dem allen widerspricht das Gesetz nicht. Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Wenn wir aus dem Geist leben, wollen wir dem Geist auch folgen.
Kommentar zur zweiten Lesung
Wir sollen nicht mehr nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist: Das ist das Erste, was der Herr uns sagt. Wir müssen ein ganz und gar göttliches Leben führen. Der heilige Paulus bringt den Kern des Evangeliums zum Ausdruck: Die Erlösung geschieht durch Jesus dank des Glaubens, also durch eine vollständige Hingabe an die Person Jesu. Deshalb haben die Christen einen neuen Geist empfangen, den Geist Christi, der uns zu Kindern und nicht mehr zu Sklaven macht, sondern zu freien Menschen. So wird das Evangelium zur Kraft Gottes für die Erlösung, zu einem Glauben, der die Unterwerfung unter Jesus als Herrn und die Öffnung für den Geist verlangt. Deshalb ermahnt Paulus die Christen, nach dem Geist und nicht mehr nach dem Fleisch zu leben. Lassen wir uns vom Geist führen, rufen wir ihn jeden Tag in unserem Leben an: Nur mit seiner Hilfe können wir unsere Schwierigkeiten, Ketten und Versuchungen überwinden. Liebe, Friede, Freude und Selbstbeherrschung kommen nicht aus dem Fleisch oder aus unseren Anstrengungen, sondern unmittelbar vom Heiligen Geist, den wir Tag für Tag anrufen. Am Ende jeder Messe ist die Aufforderung, in Frieden zu gehen, eine Einladung, „nach dem Geist zu leben“. Das Ziel der Messe ist nichts anderes, als dass wir in einem neuen Leben wandeln.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 15,26-27;16,12-15)
In jener Zeit sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, wird er Zeugnis für mich ablegen. Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid. Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.“ – Wort des Herrn.
Kommentar zum Tagesevangelium
In der Gabe des Heiligen Geistes erfüllt sich die Begegnung jeder Seele mit Gott; besser gesagt, es ist nicht bloß eine Begegnung, sondern das Geheimnis einer persönlichen Teilhabe jedes Einzelnen von uns am innersten Leben Gottes. Durch die Gabe des Geistes wurden wir in den Schoß der göttlichen Dreifaltigkeit hineingezogen. Wie kann ein Mensch damit zufrieden sein, nur Mensch zu sein? Obwohl wir uns all unserer Grenzen bewusst sind, sind wir dazu berufen, den Abgrund unserer Seele zu öffnen, um Gott in uns aufzunehmen und uns von ihm „erfüllt“ zu fühlen. Er erfüllt immer mit sich selbst: Nur Gott kann erfüllen. Das ist das Geheimnis von Pfingsten. Wir leben die Gabe Gottes im Geheimnis eines armen Lebens. Wir sind wahrhaft erfüllt und werden durch das Hereinbrechen des Heiligen Geistes zur ganzen Wahrheit geführt. Die Wahrheit ist keine Definition über das Leben, sondern eine lebendige Person, sie ist Jesus: Der Geist vereint uns innig mit ihm und schenkt uns, das Leben der Ewigkeit zu leben. Was ist das Leben der Ewigkeit anderes als das Leben Gottes? Das ist unsere Berufung, das trinitarische Leben. Jeder von uns ist berufen, das Leben Gottes zu leben. Unsere Berufung ist Gott selbst, es bedeutet, er zu sein und ihn zu leben. Dazu ruft uns unsere Berufung.

