Die Kommentare zur Liturgie des Tages aus dem Messbuch „Auf dein Wort“ für September/Oktober 2020.
25. Sonntag im Jahreskreis (A)
1. Woche im Psalter
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 55,6-9)
Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt, ruft ihn an, solange er nahe ist! Der Frevler soll seinen Weg verlassen, der Übeltäter seine Pläne; er kehre um zum Herrn, damit dieser Erbarmen hat mit ihm, und zu unserem Gott; denn er ist groß im Verzeihen. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege - Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken. Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Die Propheten haben das große Geschenk eines klaren Wortes, das, selbst wenn es urteilt, das Herz für die Hoffnung öffnet. Jesaja leugnet in diesem Abschnitt seines Buches nicht die Existenz von Ungerechtigkeit, Gottlosigkeit und Frevel. Doch all diese negativen Dinge können den Menschen nicht daran hindern, den Herrn zu suchen, der sich dem nicht versagt, der ihn mit aufrichtigem Herzen sucht. Es ist immer Zeit der Gnade. Es bedarf nur der Entscheidung, zum Herrn zurückzukehren. Wie schön dieses Wort ist! Es sagt, dass der Herr unser Ausgangspunkt und unsere Heimat ist. Es sagt nicht „geh“, sondern „kehre zurück“. Ich gehe an einen Ort, an dem ich vielleicht noch nie zuvor gewesen bin, während ich nur an einen Ort zurückkehren kann, an dem ich schon gewesen bin und nach dem ich mich tief sehne. Zugleich versichert es uns, dass unser Weg dazu bestimmt ist, beim „Herrn, der Erbarmen haben wird“, anzukommen. Ein weiteres wunderschönes und vielleicht etwas zu häufig verwendetes Wort. Barmherzigkeit bezeichnet nicht so sehr eine Haltung des Verstandes, sondern bringt ganz konkret Gottes Willen zum Ausdruck, demjenigen weiterhin Leben zu schenken, der sich von ihm entfernt hatte. Barmherzigkeit ist der mütterliche Gott.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper (Phil 1,20c-24.27a)
Brüder und Schwestern, Christus wird durch meinen Leib verherrlicht werden, ob ich lebe oder sterbe. Denn für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn. Wenn aber das Leben im Leib bedeutet, fruchtbringend zu wirken, weiß ich nicht, was ich wählen soll. Beides hält mich in Atem: Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein - um wie viel besser wäre das!; aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe. Vor allem: Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht! Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
Nichts in der menschlichen Erfahrung ist ohne Bedeutung für die Herrlichkeit Gottes. Das Leben dient der Herrlichkeit Gottes, aber auch der Tod. Deshalb kann der Apostel Paulus mit Gewissheit sagen, dass sein Leib zur Herrlichkeit Christi dient. Die ersten christlichen Gemeinden mussten sich bei ihrer Evangelisierung nicht nur mit dem jüdischen Umfeld, sondern auch mit der griechischen Kultur auseinandersetzen, die den Körper nicht besonders schätzte. Die Philosophie hatte seit Platon den Körper als Grab der Seele betrachtet, als eine Last, von der man sich befreien müsse, um den Geschmack des wahren Lebens wieder zu erfahren. Der Christ weiß dagegen, dass der Körper nichts Nebensächliches ist, kein bloßer Behälter der Seele, also jenes wahrsten und edelsten Wesens eines jeden Menschen. Gott hat in Jesus einen Körper angenommen und ihn zum Ort des Heils gemacht. „Caro cardo salutis“ schrieb der Kirchenvater Tertullian, das heißt: Das Fleisch, die Schwäche und die Vergänglichkeit sind Angelpunkt und Höhepunkt des Heils. Eine Wahrheit, die wir nicht verschweigen dürfen, vor allem heute, in einer Zeit, in der wir einerseits die Vergötzung des Körpers und andererseits seine Verachtung erleben.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 20,1-16)
In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern dieses Gleichnis: «Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit ihnen auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Marktplatz stehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: “Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist.” Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging er wieder hinaus und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, sah er wieder einige herumstehen und sagte zu ihnen: “Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?” Sie antworteten: “Niemand hat uns angeworben.” Da sagte er zu ihnen: “Geht auch ihr in meinen Weinberg!” Als es Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: “Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten bis hin zu den Ersten!” Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten jeder einen Denar. Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsbesitzer und sagten: “Die Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen.” Da entgegnete er einem von ihnen: “Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?” So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte». Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
Nichts könnte unserer Sensibilität fernerliegen, die an gewerkschaftliche Errungenschaften, an Wachstums- oder Rückgangsprozentsätze des BIP und an die Zinssätze der Banken gewöhnt ist, als dieses von Jesus erzählte Gleichnis. Doch gerade wenn Jesus „dicke Worte macht“ (um eine heute geläufige Ausdrucksweise zu verwenden), müssen wir uns bemühen, in die Tiefe seiner Botschaft einzudringen. Das Erste, was auffällt, ist das ständige Hinausgehen des Besitzers des Weinbergs. Um einen Papst Franziskus lieben Satz abzuwandeln, könnten wir ihn als „einen Besitzer im Aufbruch“ bezeichnen (der Papst spricht oft von einer Kirche im Aufbruch). Er geht nicht nur ständig hinaus, sondern achtet auch auf die Menschen auf dem Marktplatz. Er fragt. Er ruft. Er sendet. Er verspricht. Er ruft auch diejenigen und sendet sie, die niemand sonst für einen Tag angeworben hat; er hält sie für arbeitsfähig. Doch ebenso klar ist, dass sein Verhalten in wirtschaftlicher Hinsicht nicht gerade von einer Gerechtigkeit nach den Gesetzen des Marktes geprägt ist. Warum löst Jesus bei den damaligen Zuhörern und auch bei uns diesen Skandal aus? Weil sein vorrangiges Ziel nicht darin besteht, eine neue Wirtschaftsschule zu gründen, sondern die Identität des Vaters zu vermitteln, der der wahre Besitzer des Weinbergs ist. Dieser Vater gibt, was gerecht ist, damit Leben möglich wird.

