Texte aus dem Messbuch „Auf dein Wort“ November-Dezember 2024
4. Adventssonntag (C)
4. Woche im Jahreskreis
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Micha (Mi 5,1-4a)
So spricht der Herr: „Du, Betlehem-Efrata, bist zwar klein unter den Sippen Judas; aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen. Darum gibt er sie preis, bis die Gebärende einen Sohn geboren hat. Dann wird der Rest seiner Brüder zurückkehren zu den Söhnen Israels. Er wird auftreten und sein Volk weiden in der Kraft des Herrn, im hohen Namen des Herrn, seines Gottes. Sie werden in Sicherheit wohnen; denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde. Und er wird der Friede sein.“ – Wort des lebendigen Gottes.
Auslegung zur ersten Lesung
Zwei gegensätzliche Elemente treten in der Lesung hervor: Kleinheit und Größe. Das Dorf, in dem der Messias geboren werden wird, gehört zu den unbedeutendsten in Judäa, doch der Neugeborene wird als der absolute Herrscher der Welt beschrieben. Im alten Israel wurde das Gesetz des Mose am Sinai von Trompetenschall, dem rauchenden Berg und großen Zeichen begleitet; ganz zu schweigen von den zehn Plagen Ägyptens und der Teilung des Roten Meeres … alles sichtbare, laute, großartige Ereignisse. Je weiter man jedoch in der Heilsgeschichte voranschreitet, desto bescheidener werden die Zeichen, beinahe häuslich und arm: Wasser, Brot, Wein, Öl. Und doch: Was ist größer als der Leib Christi (Zeichen des Brotes) und sein Blut (Zeichen des Weines) sowie die anderen Sakramente? Im Hinblick auf die konsekrierte Hostie verwenden manche Theologen gern den Ausdruck „das Ganze im Bruchstück“. Und so ist es: Im Zeichen des Brotes ist alles enthalten, denn außerhalb Christi gibt es nichts. Weihnachten lehrt uns, diese „armen“ Zeichen wahrzunehmen: Das Kind in der Höhle ist ganz und gar göttlich, doch das „Zeichen“ ist wirklich arm; nur der Glaube lässt uns erkennen, was es wirklich ist.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief an die Hebräer (Hebr 10,5-10)
Brüder und Schwestern, als Christus in die Welt kam, sprach er: „Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir bereitet. An Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen. Da sagte ich: Siehe, ich komme – denn in der Schriftrolle steht über mich geschrieben –, um deinen Willen, mein Gott, zu tun.“ Zunächst sagt er: „Schlacht- und Speiseopfer, Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert und daran kein Gefallen gefunden“; sie werden nach dem Gesetz dargebracht. Dann sagt er: „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun.“ Auf diese Weise hebt Christus das erste Opfer auf, um das zweite einzusetzen. Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi ein für alle Mal geheiligt. – Wort des lebendigen Gottes.
Auslegung zur zweiten Lesung
„Einen Leib hast du mir bereitet“, lesen wir heute im Hebräerbrief. Das Wort Gottes, die zweite Person der Heiligsten Dreifaltigkeit, hatte, bevor die Welt war, keinen menschlichen Leib; er nahm ihn später an. Aus welchem Grund? Um das Himmelreich nicht nur unseren Seelen zu öffnen, sondern uns ganzen, vollständigen Menschen, also mit Seele und Leib. Im Glauben wissen wir nämlich, dass wir mit unserem Leib auferstehen und genau den Leib wiedererhalten werden, den wir jetzt haben, mit Händen, Armen, Füßen, Haaren und allem Übrigen. Christus nahm den menschlichen Leib daher nicht nur an, um mit seinem dargebrachten Leiden und seinem Kreuzestod die Sünde Adams wiedergutzumachen, sondern auch, um das wiederherzustellen, was von Anfang an vorgesehen war. Die Sünde hat nämlich den Verfall des Leibes, das Leiden und den Tod bewirkt; nun aber ist alles wiederhergestellt. Im Tod werden wir unserem Leib Lebewohl sagen, um ihn später, erneuert und verherrlicht, wiederzuerhalten, wenn wir in Christus Jesus als treu befunden werden. Das ist die wahrhaft große Botschaft, die die Apostel der heidnischen Welt ihrer Zeit verkündeten.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 1,39-45 )
In jenen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. Und es geschah: In dem Augenblick, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Siehe, in dem Augenblick, als dein Gruß mein Ohr erreichte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“ – Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Auslegung zum Evangelium des Tages
Maria, die heiligste Jungfrau, trägt ein Geheimnis im Herzen, das niemand kennt: Sie ist mit dem Wort Gottes schwanger. Wir können uns nicht vorstellen, wie sie all dies erlebt, doch gewiss erfüllt sie ein tiefes Staunen. Auch Elisabet befindet sich in einer ähnlichen Lage innerer, verborgener und vertrauter Freude, denn sie ist im hohen Alter Mutter geworden, als sie längst nicht mehr darauf gehofft hatte. Sie weiß nichts von ihrer entfernten Cousine, doch als sie sie ankommen sieht und ihren Gruß hört, entlädt sich in ihr gleichsam ein „elektrischer Strom“, und in einer Sekunde erkennt sie die Situation. Es ist der Strom des Heiligen Geistes, der die Wahrheit mitteilt: Maria ist mit ihrem Herrn schwanger. Elisabet ist überwältigt, doch sie verliert sich nicht in unnützen Überlegungen. Für einen Israeliten war es unmöglich, dies zu denken, denn Gott, der Herr, steht über den Himmeln, und seine Wolke bedeckt höchstens den Tempel von Jerusalem. Elisabet aber zweifelt keinen Augenblick; sie sagt, was der Geist ihr mitgeteilt hat. Die Begegnung der beiden Frauen ist wie eine Explosion unbändiger Freude: Es ist das erste Lied der unentgeltlichen Liebe, das sich von der Erde zu Gott und seinem Wirken erhebt: Gott kommt, Gott teilt sich mit, Gott ist hier. Alles Weitere wird später kommen; jetzt herrschen Dankbarkeit und überschwängliches Lob.


