Texte aus dem Messbuch „Auf dein Wort“ Juli-August 2023
16. Sonntag im Jahreskreis (A)
4. Woche im Psalter
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch der Weisheit (Weish 12,13.16-19)
Es gibt keinen Gott außer dir, der für alle sorgt; deshalb musst du dich nicht vor dem Vorwurf fürchten, ein ungerechter Richter zu sein. Denn deine Stärke ist der Anfang der Gerechtigkeit, und weil du über alle gebietest, behandelst du auch alle nachsichtig. Deine Stärke zeigst du, wenn man nicht an die Fülle deiner Macht glaubt, und die Anmaßung derer, die sie kennen, weist du zurück. Du, Herr über deine Macht, richtest mit Milde und leitest uns mit großer Nachsicht; denn wenn du willst, verfügst du über die Macht. Durch dein solches Handeln hast du dein Volk gelehrt, dass der Gerechte die Menschen lieben muss, und du hast deinen Kindern die gute Hoffnung gegeben, dass du nach der Sünde Umkehr gewährst. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Israel ist ein einzigartiges Volk auf der Welt; es ist sich bewusst, von Gott geformt worden zu sein, um gegenüber allen anderen Völkern eine besondere und einzigartige Sendung zu erfüllen. Die Israeliten stehen ständig in Beziehung zu Gott, im Guten wie im Bösen, im Gehorsam und im Ungehorsam. Im alten Israel gibt es keinen Atheismus; alle werden von Kindheit an im Glauben an den einzigen Gott erzogen, und niemand zweifelt an ihm. Sie wissen, dass er die Welt erschaffen und sich ein kleines Volk erwählt hat, um etwas Großes vorzubereiten, das kommen sollte. Doch die göttliche Erziehung bleibt dabei nicht stehen; das Volk muss sich vorbereiten, indem es die gegenseitige Liebe lernt: „Du hast dein Volk gelehrt, dass der Gerechte die Menschen lieben muss.“ Israel darf also die besondere Gegenwart Gottes nicht anrufen, um die Welt zu erobern und zu beherrschen, sondern um Gott selbst, Jesus, Fleisch und Blut zu geben; er soll nach der Sünde Adams die Ordnung der Dinge wiederherstellen: „Du hast den Kindern gute Hoffnung gegeben: Du gewährst Umkehr.“ Jede besondere Sendung, die man von Gott empfängt, gründet auf Liebe und Vergebung; sonst kommt sie nicht von ihm.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer (Röm 8,26-27)
Brüder und Schwestern, der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, wie wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. Der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
Wenn der heilige Paulus vom Gebet spricht, sagt er uns, dass wir nicht richtig beten können, genauer gesagt: „Wir wissen nicht, wie wir in rechter Weise beten sollen.“ Und doch wird uns gesagt, dass das christliche Leben im Gebet seinen höchsten Ausdruck, ja seine Notwendigkeit hat. Im Evangelium hat Jesus selbst uns mehrfach gezeigt, dass wir beharrlich beten müssen, und er hat uns auch das Gebet des Vaterunsers gelehrt. Warum behauptet Paulus also, dass wir nicht beten können? In Wirklichkeit sagt er uns, dass wir nach dem Empfang des Heiligen Geistes jemanden in uns tragen, der bereits von sich aus betet. Der Heilige Geist ist die Liebesbeziehung zwischen dem Vater und dem Sohn, und in uns ist er sozusagen die Stimme des Sohnes, die ruft: „Abba!“ Dieser Ruf ist nicht auf die Höhe des Himmels beschränkt, sondern erklingt aus der Tiefe unseres Herzens. Wenn wir in uns gehen, uns sammeln und in die Stille der Anbetung eintreten, stimmt sich unsere Seele nach und nach auf den Heiligen Geist ein, der in uns ist (wenn wir in der Gnade leben), und so beginnen wir mit unaussprechlichen Seufzern zu beten. Das ist das Gebet des Herzens.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 13,24-43)
In jener Zeit erzählte Jesus der Menge ein anderes Gleichnis: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zum Gutsherrn und sagten: ‚Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?‘ Er antwortete: ‚Das hat ein Feind getan.‘ Da sagten die Knechte zu ihm: ‚Sollen wir gehen und es ausreißen?‘ Er entgegnete: ‚Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte; wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Büschel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.‘“ Und Jesus erzählte ihnen ein anderes Gleichnis: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.“ Er sagte ihnen noch ein anderes Gleichnis: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl mengte, bis das Ganze durchsäuert war.“ Dies alles sagte Jesus der Menge durch Gleichnisse; er redete nur in Gleichnissen zu ihnen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: „Ich öffne meinen Mund in Gleichnissen, ich verkünde, was seit der Schöpfung verborgen war.“ Dann verließ er die Menge und ging nach Hause. Seine Jünger kamen zu ihm und sagten: „Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker!“ Er antwortete: „Der Mann, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn. Der Acker ist die Welt; der gute Samen sind die Söhne des Reiches; das Unkraut sind die Söhne des Bösen; der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Schnitter sind die Engel. Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es am Ende der Welt sein: Der Menschensohn wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere zu Fall gebracht und Gottes Gesetz übertreten haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!“ – Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
Das irdische Leben bestimmt unsere endgültige und ewige Stellung. Wir sind dazu geschaffen, immer in Gott zu leben, aber wir müssen es wollen. Das heißt: So wie man nicht zufällig in der Hölle landet, wird man auch nicht zufällig gerettet. Der abschließende Satz des Gleichnisses vom Weizen und vom Unkraut ist eindeutig: Nach dem Ende der Welt wird es auf der einen Seite das Reich des Vaters und auf der anderen Seite den brennenden Ofen des Unkrauts (der Ungerechtigkeit und der Ärgernisse) geben. In diesem Leben haben wir alle Voraussetzungen, um guter Weizen zu sein, obwohl wir in engem Kontakt mit dem Unkraut stehen. Wir können jedoch auch vom Weg abkommen und zu Unkraut werden, denn bis zum letzten Atemzug sind wir frei zu wählen, zu wem wir gehören wollen. Das Unkraut wird nicht sofort entfernt, weil es bis zur endgültigen Ernte zu Weizen werden kann. Doch ebenso wahr ist, dass die Nähe zu Menschen, die Unrecht tun, den Guten ermöglicht, Nächstenliebe, Geduld und Ausdauer zu üben - all das stärkt das geistliche Leben. Hat Jesus selbst während seines irdischen Lebens nicht ständig mit viel Unkraut zusammengelebt? Daher besteht unsere Pflicht darin, alles zu tun, damit jeder Mensch in unserer Nähe, der Ärgernis gibt oder Unrecht tut, die Waffen niederlegt und auf die Seite des Reiches des Vaters übertritt.


