Texte aus dem Messbuch „Auf dein Wort“ Mai-Juni 2023
12. Sonntag im Jahreskreis (A)
4. Woche im Psalter
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Jeremia (Jer 20,10-13)
Ich hörte das Gerede vieler: „Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Ja, wir wollen ihn anzeigen.“ Alle meine Freunde lauerten auf meinen Fall: „Vielleicht lässt er sich betören, sodass wir ihn überwältigen und unsere Rache an ihm nehmen können.“ Doch der HERR steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und können nicht überwältigen; sie werden scheitern und müssen sich schämen, eine Schande, die nie vergeht und unauslöschlich ist. Aber du, HERR der Heerscharen, du prüfst den Gerechten, du siehst Herz und Nieren: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn dir habe ich meinen Rechtsstreit anvertraut. Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Das vom Propheten Jeremia verkündete Prinzip erscheint uns ziemlich kühn: Er bittet Gott, an seinen Feinden Vergeltung zu üben. Können wir auf diese Weise beten und Gott bitten, uns gegenüber dem Nachbarn, der uns quält, dem Arbeitgeber, der uns gedemütigt hat, oder dem Verwandten, der uns schweres Unrecht zugefügt hat, zu rächen? Ist unser Gott nicht der Gott der Liebe? Muss er uns erhören? Und doch wird auch im Neuen Testament darum gebeten, dass Gott Vergeltung übt (Röm 12,19). Dieses Gebet ist gerade deshalb richtig, weil wir Gott bitten, die Ordnung wiederherzustellen, sodass er in seiner Weisheit dem Gerechten seinen Lohn und dem Schuldigen seine Strafe gibt. Gott bittet uns nur, nicht selbst Vergeltung zu üben, weil wir die wahren Beweggründe unseres Nächsten nicht kennen und die Hintergründe seiner Entscheidungen nicht verstehen. Wir sollen nicht richten und nicht verurteilen, denn unser Urteil ist immer unvollständig, während seines vollkommen ist. Gottes „Vergeltung“ an unseren Feinden kann anders aussehen, als wir es uns vorstellen … Vielleicht wird sie sogar Freispruch und Vergebung sein. Wichtig ist, dass er handelt, nicht wir.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief des heiligen Apostels Paulus an die Römer (Röm 5,12-15)
Brüder und Schwestern, durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten. Sünde war schon vor dem Gesetz in der Welt, aber Sünde wird nicht angerechnet, wo es kein Gesetz gibt. Dennoch herrschte der Tod von Adam bis Mose auch über jene, die nicht durch Übertretung eines Gebots gesündigt hatten wie Adam, der ein Abbild dessen ist, der kommen soll. Anders als mit dem Sündenfall verhält es sich mit der Gnadengabe: Sind durch den Sündenfall des einen die vielen dem Tod anheimgefallen, so ist die Gnade Gottes und die Gnadengabe, die durch den einen Menschen Jesus Christus bewirkt wurde, den vielen reichlich zuteilgeworden. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
Der heilige Paulus stellt Gnade und Erbsünde einander gegenüber, indem er den ersten Menschen, Adam, und Jesus Christus, den für uns Mensch gewordenen Sohn Gottes, fortwährend miteinander vergleicht. Ohne die Erbsünde könnten wir nichts vom Leben des Menschen auf der Erde verstehen, und das Böse, das Leiden und der Tod wären in keiner Weise erklärbar. Wir müssen uns immer auf die Erbsünde beziehen, nicht als auf ein historisches Ereignis, das sich vor Jahrtausenden ereignet hat, sondern als auf die gegenwärtige Anwesenheit eines geheimnisvollen Widerstands gegen Gott, das Gute und die Gnade, der auch in uns wirksam ist. Wir alle sind Kinder Adams und Evas, aber durch die Taufe sind wir auch Kinder Gottes, haben an seiner eigenen Natur Anteil und sind durch das Blut Christi erlöst und zurückgekauft. Daher sollen wir nicht nur auf die Erbsünde schauen, sondern uns vor allem auf das Wirken Jesu beziehen, der uns durch seinen Gehorsam gegenüber dem göttlichen Plan des Vaters das Leben der Gnade in Fülle zurückgibt. Paulus besteht darauf: Durch den Gehorsam des einen sind wir gerettet (wenn wir es natürlich wollen und wenn wir konsequent mit der empfangenen Gnade leben).
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 10,26-33)
In jener Zeit sagte Jesus zu seinen Aposteln: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Gehenna verderben kann. Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“ – Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
Jesus fordert uns wiederholt auf, weder vor den Menschen noch vor den Ereignissen Angst zu haben; der Einzige, den wir fürchten und vor dem wir uns hüten sollen, ist der Dämon, der eine geheimnisvolle Macht über uns hat. Wenn wir auf ihn hören, verlieren wir am Ende unsere Seele für immer. Und doch sehen wir, dass es gewöhnlich umgekehrt geschieht: Die Menschen fürchten im Allgemeinen die Aggressivität anderer Menschen oder äußere Ereignisse (wirtschaftliche Unsicherheit, gesundheitliche Probleme, Angst vor der Zukunft usw.), während sie den Dämon vielleicht überhaupt nicht fürchten, ja sogar an seiner Existenz zweifeln oder die Sünden im Allgemeinen verharmlosen. Genau das Gegenteil fordert Jesus heute von uns. Der Christ hat keine Angst vor den Ereignissen, sondern nimmt sie an, wie sie kommen, und lebt sie stets im Willen Gottes und in der Liebe, mit Frieden im Herzen und ohne Unruhe. „Wenn der Christ sich nicht selbst schadet“, schreibt der heilige Johannes Chrysostomus, „dann kann ihm nichts schaden: Er ist unbesiegbar.“ Unbesiegbarkeit entsteht nicht aus der Anmaßung, Superhelden zu sein, die allen überlegen sind, sondern aus dem Bewusstsein, am Sieg des Kreuzes Anteil zu haben: Das ist der einzige Ort, den der Dämon fürchtet, denn es ist der Triumph der göttlichen Liebe.


