Texte aus dem Messbuch „In deinem Wort“ März-April 2023
5. Fastensonntag (A)
1. Woche im Psalter
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Ezechiel (Ez 37,12-14)
So spricht Gott, der Herr: „Siehe, ich öffne eure Gräber, ich hole euch aus euren Gräbern herauf, mein Volk, und ich führe euch zurück in das Land Israel. Ihr werdet erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch aus euren Gräbern heraufhole, mein Volk. Ich gebe meinen Geist in euch, dann werdet ihr lebendig; ich bringe euch wieder auf euren eigenen Boden. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich habe gesprochen und ich führe es aus.“ – Spruch des Herrn. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
In der heutigen Liturgie ist von Auferstehung die Rede, in einer Steigerung, die von dieser Stelle aus dem Alten Testament bis zum endgültigen Sieg Christi über den Tod reicht. Gott kündigt durch den Mund des Propheten Ezechiel die bevorstehende Öffnung der Gräber an. Gemeint ist die Rückkehr der Verbannten aus dem Exil. Seit 586 v. Chr. leben die Juden in Babylon in der Verbannung, und die Entmutigung hat von ihren Herzen Besitz ergriffen. Doch der Herr lässt sein Volk, das sich im fremden Land wie tot fühlt, unmittelbar seine lebensspendende Macht erfahren. Gott ist nämlich derjenige, der die Macht hat, alles zu vollbringen, was er verspricht. Dieser Tag wird wie eine neue Schöpfung sein. Das verwendete Bild weist auf die künftige Verkündigung des umfassenden Heils der Menschheit in der Auferstehung Jesu voraus. Auch das Herz des Menschen gehört zu jenen Gräbern, die der Herr öffnen will, um die Menschheit zu sich zurückzuführen und ihr ein neues Leben zu schenken. In dieser Fastenzeit wollen wir Gott die Möglichkeit geben, dorthin einzutreten, wo wir unsere Würde begraben haben, in jene Gräber, die unsere Demütigungen bergen.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer (Röm 8,8-11)
Brüder und Schwestern, wer vom Fleisch beherrscht wird, kann Gott nicht gefallen. Ihr aber lebt nicht unter der Herrschaft des Fleisches, sondern des Geistes, da ja der Geist Gottes in euch wohnt. Wer den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm. Wenn aber Christus in euch ist, dann ist zwar der Leib tot aufgrund der Sünde, der Geist aber ist Leben aufgrund der Gerechtigkeit. Wenn nun der Geist Gottes in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird Gott, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
Die paulinische Stelle aus dem Brief an die Römer ist die Aktualisierung des vorhergehenden Orakels Ezechiels: Der Geist „wohnt“ im Menschen. Für den Menschen ist dies eine Quelle der Sicherheit, des Friedens und der Freude, denn es bildet das unerschütterliche Fundament seiner Zugehörigkeit zu Christus. Vom Geist bewohnt zu sein bedeutet, in sich alles zu haben, was man braucht, um nach den Lehren Christi zu leben. Daher ist die Treue zum Herrn nicht nur möglich, sondern bereits Wirklichkeit: „Ihr steht nicht (das ist eine Gegenwartsform) unter der Herrschaft des Fleisches … Euer Leib ist tot aufgrund der Sünde, der Geist aber ist Leben.“ Der Zweikampf zwischen Tod und Leben wurde geschichtlich ein für alle Mal am Kreuz ausgefochten. Für jeden einzelnen Christen wird er im Sakrament der Taufe gegenwärtig, wenn wir dem alten Leben sterben, um zu einem neuen Leben in Christus wiedergeboren zu werden. Nun müssen wir daran glauben, Tag für Tag, Augenblick für Augenblick, vor allem in den Taten: Wir sollen nicht mehr nach dem leben, was die Welt verlangt, sondern dem folgen, was der Geist eingibt, in Erwartung des endgültigen Sieges über den Tod.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Joh 11,1-45)
In jener Zeit war ein gewisser Lazarus aus Betanien krank, dem Dorf der Maria und ihrer Schwester Marta. Maria war jene, die den Herrn mit kostbarem Öl gesalbt und seine Füße mit ihren Haaren getrocknet hatte; ihr Bruder Lazarus war krank. Daher schickten die Schwestern Jesus die Nachricht: „Herr, sieh: Der, den du liebst, ist krank.“ Als Jesus das hörte, sagte er: „Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.“ Jesus liebte aber Marta, ihre Schwester und Lazarus. Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt. Danach sagte er zu den Jüngern: „Lasst uns wieder nach Judäa gehen!“ Die Jünger sagten zu ihm: „Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen und du gehst wieder dorthin?“ Jesus antwortete: „Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist.“ So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: „Unser Freund Lazarus ist eingeschlafen; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.“ Die Jünger sagten zu ihm: „Herr, wenn er eingeschlafen ist, wird er gerettet werden.“ Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche vom gewöhnlichen Schlaf. Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: „Lazarus ist gestorben. Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch lasst uns zu ihm gehen!“ Da sagte Thomas, genannt Didymus, zu den anderen Jüngern: „Lasst uns auch gehen, um mit ihm zu sterben!“ Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon seit vier Tagen im Grab liegen. Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten. Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus. Marta sagte zu Jesus: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.“ Jesus sagte zu ihr: „Dein Bruder wird auferstehen.“ Marta sagte zu ihm: „Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag.“ Jesus sagte zu ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?“ Marta sagte zu ihm: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“ Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: „Der Meister ist da und lässt dich rufen.“ Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm. Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte. Die Juden, die mit Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Sie folgten ihr, weil sie dachten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen. Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben!“ [Gesù] als er sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: „Wo habt ihr ihn bestattet?“ Sie sagten zu ihm: „Herr, komm und sieh!“ Da weinte Jesus. Die Juden sagten: „Seht, wie lieb er ihn hatte!“ Einige aber sagten: „Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?“ Da wurde Jesus wiederum im Innersten erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war. Jesus sagte: „Nehmt den Stein weg!“ Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagte zu ihm: „Herr, er riecht schon, denn er liegt bereits seit vier Tagen dort.“ Jesus sagte zu ihr: „Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?“ Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob die Augen und sprach: „Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.“ Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“ Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: „Löst ihm die Binden und lasst ihn gehen!“ Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn. –
Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
In den großen Johannes-Texten, die an diesen letzten Sonntagen der Fastenzeit vorgeschlagen werden, gibt es einen Zusammenhang und eine Steigerung. Nachdem Jesus uns von der Gabe Gottes, dem lebendigen Wasser, erzählt hat, hat er als das wahre Licht dem Blindgeborenen die Augen geöffnet. Diese symbolischen Handlungen kündigen die Taufe an, das heißt die Wiedergeburt aus Wasser und Geist. Heute spricht eine weitere symbolische Handlung von den Folgen der Taufe, nämlich von einem neuen Leben. Unter den sehr vielen möglichen Betrachtungen wollen wir beim Weinen Jesu am Grab seines Freundes Lazarus verweilen. Wenn Jesus wusste, dass er ihm das Leben zurückgeben würde, warum weinte er dann? Seine Tränen, so wirklich sie auch waren, haben symbolische Bedeutung. Es ist nämlich das ganze menschliche Elend, das in der Erfahrung des körperlichen Todes gipfelt, das Jesus zu Tränen des Mitgefühls bewegt. Die Auferweckung des Lazarus wird unmittelbar Jesu Todesurteil bewirken; Jesus entreißt die anderen dem Tod gerade um den Preis seines eigenen Todes. Liebe ist Hingabe. In Jesus siegt die Liebe, weil er sich nicht selbst rettet, sondern für uns stirbt. Denn die Liebe muss, um zu siegen, verlieren können: Das ist das grundlegende Gesetz des Christen. Wir können für andere nichts Gutes erlangen, ohne uns selbst in der Liebe hinzugeben.


