Texte aus dem Messbuch „Auf dein Wort“ Januar-Februar 2022
8. Sonntag im Jahreskreis (C)
4. Woche im Psalter
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch Jesus Sirach (Sir 27, 5-8 (NV) [gr. 27,4-7])
Wenn man ein Sieb schüttelt, bleibt der Abfall zurück; ebenso zeigen sich die Fehler eines Menschen, wenn er diskutiert. Die Gefäße des Töpfers prüft der Brennofen, ebenso ist die Art zu denken der Prüfstein für einen Menschen. Die Frucht zeigt, wie ein Baum gepflegt wurde; ebenso enthüllt das Wort die Gedanken des Herzens. Lobe niemanden, bevor er gesprochen hat; denn darin zeigt sich der Mensch.
Kommentar zur ersten Lesung
„Jeden Baum erkennt man an seiner Frucht“, sagt Jesus heute im Evangelium. Verschiedene Worte des Herrn sind dem Alten Testament entnommen, weil er sich die Weisheit der Vergangenheit zu eigen macht, um sie auf seine damaligen und heutigen Zuhörer anzuwenden. In diesem Fall lehrt bereits Jesus Sirach den Wert des menschlichen Wortes: Es ist echt, wenn es von einem guten, weisen und konsequenten Menschen kommt. Das Wort kommt nämlich aus der inneren Welt: Wenn diese mit Gott verbunden und in Gemeinschaft mit ihm ist, ist das Wort rein; wenn die innere Welt dunkel, chaotisch und lasterhaft ist, spürt man dem Wort seine verdorbene Herkunft an. Daraus ergibt sich die Bedeutung des Schweigens und der regelmäßigen Sammlung. Wer unfähig ist zu schweigen, ist auch unfähig zu sprechen, denn jedes weise Wort kommt aus einer inneren Welt des Schweigens. Wenn ein Mensch ständig und zu viel redet, wird sein Wort leicht zum Geschwätz. Wer nachsinnt, beobachtet, schweigt und überlegt, in seinem Innersten gesammelt bleibt, wo die göttliche Gnade lebt, wird auch ein überlegtes, gerechtes und aufbauendes Wort sprechen. So war das Wort Jesu: ein Wort des Feuers, das seine Spur hinterließ.
ZWEITE LESUNG
Aus dem ersten Brief des heiligen Apostels Paulus an die Korinther (1 Kor 15,54-58)
Brüder und Schwestern, wenn dieses Vergängliche sich mit Unvergänglichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: „Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn! Daher, meine geliebten Brüder und Schwestern, bleibt fest und unerschütterlich und nehmt immer eifriger am Werk des Herrn teil; ihr wisst, dass eure Mühe im Herrn nicht vergeblich ist.
Kommentar zur zweiten Lesung
Das außergewöhnliche 15. Kapitel des ersten Briefes an die Korinther befasst sich mit der Frage, was nach dem Tod aus uns werden wird. Was geschieht mit unserem Körper? Wir wissen, dass die organischen Bestandteile sich auflösen werden, aber werden wir im Paradies - und leider auch in der Hölle - unseren Körper haben? Werden wir einander erkennen? Werden wir Hände, Füße und unser Gesicht haben? Und wenn wir einen Mund haben, werden wir sprechen müssen? Und wenn wir Beine haben, werden wir gehen? Der Apostel gibt uns nicht allzu viele Einzelheiten, sagt uns aber, dass der sterbliche Leib mit Unsterblichkeit bekleidet wird. Damit lässt er uns verstehen, dass der Körper derselbe sein wird, aber „überkleidet“, also geistlich und nicht mehr den biologischen Bedürfnissen unterworfen. Das Dogma von der Auferstehung des Fleisches - das wir jeden Sonntag im Glaubensbekenntnis verkünden - gehört zu den am wenigsten kommentierten und erforschten, aber auch zu den tröstlichsten: Was ich jetzt bin, werde ich für immer sein, ja, ich werde strahlender und herrlicher sein, wenn ich im Paradies gerettet werde. Nichts ist verloren, denn was Gott tut, ist vollkommen: Wir vollenden unseren Leib durch die Treue zum göttlichen Leben und durch Werke der Nächstenliebe.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 6,39-45)
In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern ein Gleichnis: „Kann etwa ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er aber alles gelernt hat, wird er wie sein Meister sein. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: ‚Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!‘, während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du sehen und den Splitter aus dem Auge deines Bruders herausziehen. Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte trägt, noch gibt es einen schlechten Baum, der gute Früchte trägt. Denn jeden Baum erkennt man an seiner Frucht: Von Dornen pflückt man keine Feigen und von einem Dornstrauch erntet man keine Trauben. Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor; der böse Mensch bringt aus dem bösen Schatz das Böse hervor. Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund.“
Kommentar zum Evangelium des Tages
Das Wort des Herrn scheint eher zur natürlichen Weisheit als zu einer offenbarten Wahrheit zu gehören: Wenn der Baum gut ist, werden seine Früchte schmackhaft sein; wenn er schlecht ist, werden sie ungenießbar sein. Doch was der Herr am Anfang des Abschnitts sagt, gehört nicht zur einfachen Volksweisheit: Wir müssen intensiv an unserem Inneren arbeiten, bis wir uns um den Balken in unserem eigenen Inneren sorgen und nicht um den Splitter unseres Nächsten. Jeder soll sich angesprochen fühlen: Unsere Fähigkeit zur Selbstkritik ist eher begrenzt, weil wir dazu neigen, uns selbst stets zu rechtfertigen und gegenüber unserem Nächsten streng zu sein. Das Geheimnis der Heiligkeit besteht darin, demütig unser Nichts zu erkennen und darüber sogar froh zu sein. „Gott hat mir die große Gnade erwiesen“, sagte die heilige Therese vom Kinde Jesus, „nicht nur zu wissen, dass ich erbärmlich bin, sondern mich darüber zu freuen.“ Ja, denn Gott fühlt sich von diesen demütigen und einfachen Herzen angezogen und schenkt sich unmittelbar jenen, die wissen, dass sie nichts sind. Beten wir mit diesen Worten: „O Gott, nimm das Nichts, das ich bin, und gib mir das Alles, das du bist.“ So wird jeder innere Balken zerstört werden.

