Texte aus dem Messbüchlein „Auf dein Wort“ September-Oktober 2023
30. Sonntag im Jahreskreis (A)
2. Woche, Psalter
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch Exodus (Ex 22,20-26)
So spricht der Herr: „Du sollst einen Fremden nicht ausbeuten oder unterdrücken, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen. Ihr sollt Witwen und Waisen nicht ausnützen. Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreien, werde ich auf ihren Klageschrei hören. Mein Zorn wird entbrennen und ich werde euch mit dem Schwert töten, sodass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne zu Waisen werden. Wenn du einem aus meinem Volk, einem Armen bei dir, Geld leihst, sollst du dich ihm gegenüber nicht wie ein Geldverleiher benehmen. Ihr sollt von ihm keinen Zins fordern. Nimmst du das Gewand deines Nächsten zum Pfand, sollst du es ihm bis zum Untergang der Sonne zurückgeben; denn es ist seine einzige Decke, das Gewand für seine Haut. Worin soll er sonst schlafen? Wenn er zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid.“ – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Die Gesetze zur Nächstenliebe waren von Gott bereits im Alten Testament sorgfältig festgelegt worden. Der Grund dafür ist, dass die Liebe den Menschen seit jeher fasziniert, aber sehr oft missverstanden wurde. Deshalb gibt Gott so genaue und konkrete Hinweise zum Verhalten gegenüber anderen und klärt, was es wirklich bedeutet, jemanden zu lieben. Das Leihen, der Respekt und die Aufnahme der Bedürftigsten sind konkrete Formen, in denen sich die Liebe zum Nächsten verwirklichen lässt. Erst wenn man mit dieser inneren Haltung lebt und kontinuierlich und konkret auf die Bedürfnisse anderer achtet, liebt man wirklich. Andernfalls macht man sich vor, eine Religiosität zu leben, die in Wirklichkeit nur ein Ausweichen vor den wahren Problemen der Welt ist. Für wie viele Menschen ist der Glaube auch heute noch etwas Abstraktes und nur auf das eigene Innere Bezogenes? Gott „fordert“ uns hingegen immer wieder heraus, uns um andere zu kümmern.
ZWEITE LESUNG
Aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher (1 Thess 1,5c-10)
Brüder, ihr wisst selbst, wie wir bei euch aufgetreten sind, um euch zu helfen. Und ihr seid unserem Beispiel und dem des Herrn gefolgt; ihr habt das Wort trotz großer Bedrängnis mit der Freude des Heiligen Geistes aufgenommen. So wurdet ihr ein Vorbild für alle Gläubigen in Mazedonien und in Achaia. Von euch aus ist das Wort des Herrn aber nicht nur in Mazedonien und Achaia erklungen, sondern überall ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, sodass wir darüber nichts mehr zu sagen brauchen. Denn man erzählt sich, wie wir bei euch aufgenommen wurden und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn vom Himmel zu erwarten, den er von den Toten auferweckt hat, Jesus, der uns vor dem kommenden Zorn rettet. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
In dieser biblischen Schriftstelle sehen wir eine konkrete Verwirklichung des Gebots der Liebe in einer der ersten christlichen Gemeinden. Der heilige Paulus schreibt an die Thessalonicher und lässt sie wissen, dass er sie, obwohl er sie erst seit kurzer Zeit kennt, schätzt und liebevoll in seinem Herzen trägt. Deshalb stellt er sie allen Gläubigen in Mazedonien und Achaia als Vorbild vor Augen. In dieser erst kürzlich gegründeten Gemeinde fehlen gewiss weder Schwächen noch Schwierigkeiten, doch die Liebe überwindet alles, erneuert alles und siegt über alles: die Liebe dessen, der sich seiner eigenen Grenzen bewusst ist und den Worten Christi, des göttlichen Lehrers, die durch einen seiner treuen Jünger überliefert wurden, fügsam folgt. Die Lehre, die wir aus der Erfahrung der Thessalonicher gewinnen und die jede echte christliche Gemeinde verbindet, lautet: Die Liebe zum Nächsten entsteht aus dem fügsamen Hören auf das Wort Gottes. Es ist eine Liebe, die um der Wahrheit des göttlichen Wortes willen auch schwere Prüfungen annimmt. Gerade so wächst die echte Liebe und der Glaube erstrahlt in seinem ganzen Glanz. Wie wichtig ist es also, das Wort zu hören und es im persönlichen und gemeinschaftlichen Leben zu verwirklichen!
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 22,34-40)
In jener Zeit, als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: „Meister, welches Gebot ist das wichtigste im Gesetz?“ Er antwortete ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ – Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
Das heutige Evangelium erinnert uns daran, dass sich das gesamte göttliche Gesetz in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zusammenfasst. Beide sind untrennbar und ergänzen einander; sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Man kann Gott nicht lieben, ohne den Nächsten zu lieben, und man kann den Nächsten nicht lieben, ohne Gott zu lieben. Das sichtbare Zeichen, das ein Christ der Welt und anderen als Zeugnis seiner Liebe zu Gott zeigen kann, ist nämlich die Liebe zu den Mitmenschen. Das Gebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten ist das erste, nicht weil es an der Spitze der Liste der Gebote steht, sondern weil es deren Mittelpunkt bildet; es ist das Herz, von dem alles ausgehen und zu dem alles zurückkehren und auf das alles ausgerichtet sein muss. Im Licht dieses Wortes Jesu ist die Liebe inzwischen das Maß des Glaubens und der Glaube die Seele der Liebe. Inmitten des dichten Waldes von Vorschriften und Bestimmungen - den Gesetzlichkeiten von gestern und heute -, schafft Jesus einen Durchblick, durch den zwei Gesichter sichtbar werden: das Gesicht des Vaters und das des Bruders, die letztlich ein einziges Gesicht sind, das Gesicht Gottes, das sich in vielen Gesichtern widerspiegelt. Denn im Gesicht jedes Bruders, besonders des Kleinsten, Schwächsten, Wehrlosesten und Bedürftigsten, ist Gottes eigenes Bild gegenwärtig. Und wir sollten uns fragen, wenn wir einem dieser Brüder begegnen, ob wir in der Lage sind, in ihm das Gesicht Gottes zu erkennen.


