Texte aus dem Messbuch „Auf dein Wort“ November-Dezember 2023
1. Adventssonntag (B)
1. Woche im Jahreskreis
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Jesája (Jes 63,16b-17.19b;64,2-7)
Du, Herr, bist unser Vater, von jeher wirst du unser Erlöser genannt. Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und unser Herz verhärten, sodass wir dich nicht fürchten? Kehre zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbbesitz sind. Würdest du doch den Himmel aufreißen und herabsteigen! Vor deinem Angesicht würden die Berge erzittern. Als du furchtbare Dinge tatest, die wir nicht erwarteten, bist du herabgestiegen und vor deinem Angesicht erzitterten die Berge. Seit jeher hat man nicht gehört, hat kein Ohr vernommen, kein Auge gesehen, dass ein Gott außer dir denen Gutes tut, die auf ihn hoffen. Du kommst denen entgegen, die voll Freude Gerechtigkeit üben und auf deinen Wegen an dich denken. Siehe, du warst zornig, denn wir haben gegen dich gesündigt, seit langer Zeit sind wir treulos. Wie Unreine sind wir alle geworden, wie ein schmutziges Kleid sind all unsere gerechten Taten. Wie Blätter sind wir alle verwelkt, unsere Schuld hat uns fortgetragen wie der Wind. Niemand rief deinen Namen an, niemand raffte sich auf, um an dir festzuhalten; denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und uns der Gewalt unserer Schuld überlassen. Doch nun, Herr, bist du unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Dieses erhabene Gebet Jesájas bringt die ganze Sehnsucht des Menschen nach seinem Gott, dem Schöpfer und Erlöser, zum Ausdruck. Gewöhnlich ist es bei den Propheten umgekehrt: Gott „klagt“, weil der Mensch ihn vergessen hat, sich abgewandt hat und anderen Götzen oder Gottheiten folgt und nachläuft … Deshalb sendet er die Propheten, damit sie in seinem Namen ausrufen: „Kehrt zu mir zurück! Verlasst nicht den rechten Weg, verliert euch nicht in Dingen, die nicht retten!“ Hier hingegen ist es der Mensch, der sich in der Wüste der Welt verirrt hat und um die göttliche Gegenwart fleht. Gott scheint sich zurückgezogen zu haben, er schweigt und lässt sich nicht hören. Der Mensch fleht ihn an: „Komm! Steig herab!“ Die Begegnung geschieht, wenn sich diese beiden Willen nacheinander sehnen und suchen: der Wille Gottes, der den Menschen liebt, und der Wille des Menschen, der spürt, dass er trotz aller Verratshandlungen und Entfernungen nicht auf ihn verzichten kann. Der Schrei des Menschen wird in der Geburt Christi seinen Höhepunkt erreichen. „Komm!“, fleht der Mensch, und er kommt, wird zugänglich, wahrer Gott mit dem Körper eines Kindes in der Grotte von Betlehem. Der Treffpunkt ist die Menschwerdung des Wortes, die endgültige und unüberbietbare Offenbarung Gottes für uns und mit uns.
ZWEITE LESUNG
Aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther (1 Kor 1,3-9)
Brüder und Schwestern, Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, weil ihr durch ihn in allem reich geworden seid, an aller Rede und aller Erkenntnis. Denn das Zeugnis über Christus wurde unter euch gefestigt, sodass euch keine Gnadengabe mehr fehlt, während ihr auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus wartet. Er wird euch auch festigen bis ans Ende, sodass ihr schuldlos dasteht am Tag unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist Gott, durch den ihr zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn, berufen seid. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
Paulus grüßt die Gemeinde von Korinth, an die er sich wendet. Zunächst dankt er dem Herrn, weil er sich in dieser Gemeinde machtvoll offenbart und sie mit allen Gaben bereichert hat. Wir stellen fest, dass die Korinther eine Gemeinschaft von Gläubigen sind, die durch das machtvolle Wirken des Heiligen Geistes zu einer solchen geworden ist. Das gilt auch für uns und für unsere Wirklichkeiten, ob in Pfarreien oder einzelnen religiösen Gemeinschaften: Zuerst müssen wir uns bewusst machen, warum wir hier sind und was Gott für uns gewollt hat. Dann spricht Paulus von einer Offenbarung, die kommen wird und auf die die Korinther warten sollen: Es handelt sich um die zweite Ankunft des Herrn oder auch um sein endgültiges Kommen beim Jüngsten Gericht … Wir wissen es nicht, aber es ist auch nicht wichtig, dies zu erforschen; wir wissen nur, dass wir in der Zeit zwischen dem durch den Tod und die Auferstehung Jesu im Heiligen Geist begründeten Leben und dem endgültigen „Tag des Herrn“ leben. Was sollen wir inzwischen tun? Der heilige Paulus sagt es im weiteren Verlauf des Briefes und gibt praktische Ratschläge. Zunächst sind wir in die richtige Dimension eingeordnet. Wir leben in der Zeit der Gnade. Ständiges Klagen ist verboten.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem Evangelium nach Markus (Mk 13,33-37)
In jener Zeit sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Gebt Acht und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug die Verantwortung seinen Knechten, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein. Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, beim Hahnenschrei oder am Morgen; sonst kommt er plötzlich und findet euch schlafend. Was ich euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!“ – Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
Der eindringliche Auftrag des Herrn im heutigen Evangelium ist nur einer: wachsam zu sein, was einfach bedeutet, wach und aufmerksam zu bleiben, nicht zu schlafen. Jesus wiederholt die Einladung zur Wachsamkeit im Evangelium sehr oft, sowohl unmittelbar als auch in verschiedenen Gleichnissen. Warum ist sie so wichtig? Weil wir gerade in der Wachsamkeit für unsere Taten einstehen und sofort herbeieilen können, wenn der Hausherr an der Tür unseres Lebens erscheint. Abseits der Metapher ist es die Sünde, die uns einschläfert. Nicht ohne Grund ist im Benedictus (Lk 1,68-79) von „Finsternis und Todesschatten“ die Rede. Die Sünde lässt uns in einen geistlichen Schlafwandel fallen, in dem alles verworren, undeutlich und grau wird. Wir können die Stimme des Herrn nicht mehr verstehen und die Schönheiten der Schöpfung nicht mehr sehen, wir begreifen nicht mehr die Sprache seiner Liebe und Zärtlichkeit, weil uns alles belanglos, schmerzhaft und ermüdend erscheint. Deshalb die Ermahnung: Lebt in der Gnade! Bekennt eure Sünden, nährt euch vom Leib Christi, liebt einander mit Hingabe und Opferbereitschaft. Auf diese Weise werden wir immer bereit sein, Jesus zu antworten, sooft er uns ruft, sowohl in der gegenwärtigen Zeit als auch beim endgültigen Ruf.


