Texte aus dem Messbuch „Auf dein Wort“ November-Dezember 2022
2. Adventssonntag (A)
2. Woche im Psalter
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 11,1-10)
An jenem Tag wird aus dem Baumstumpf Isais ein Reis hervorgehen, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln sprießen. Auf ihm wird der Geist des Herrn ruhen, der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Er wird nicht nach dem Augenschein richten und nicht nach Hörensagen entscheiden; sondern den Geringen wird er gerecht richten und für die Armen des Landes gerechte Entscheidungen treffen. Er wird den Gewalttätigen mit dem Stock seines Mundes schlagen und mit dem Hauch seiner Lippen den Frevler töten. Gerechtigkeit wird der Gürtel um seine Hüften sein und die Treue der Gürtel um seine Lenden. Der Wolf findet beim Lamm seinen Aufenthalt, der Leopard liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge kann sie hüten. Kuh und Bärin weiden zusammen, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt an der Höhle der Viper; das Kind streckt seine Hand in das Nest der Giftschlange. Sie tun nichts Böses mehr und handeln nicht mehr verderblich auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer vom Wasser überströmt ist. An jenem Tag wird es geschehen: Der Spross aus der Wurzel Isais steht als Zeichen für die Völker da. Die Nationen suchen ihn auf. Seine Ruhestätte wird prächtig sein. – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Die messianischen Zeiten werden nicht durch große Zeichen und Wunder angekündigt; es werden keine Feuerwerke abgebrannt, und auch in den Hauptnachrichten zur besten Sendezeit wird nicht darüber berichtet. Die Gegenwart Gottes in der Welt wird in einem kleinen Spross angekündigt und birgt sich darin, also in einem neuen Leben, das sich still an einem Baumstamm entwickelt, der inzwischen leblos zu sein scheint. Diese Entscheidung Gottes, sich durch die kleinen Dinge zu offenbaren, könnte denjenigen verunsichern, der stets Zeichen und Wunder erwartet und dadurch das Wirken des Vaters in der konkreten, alltäglichen und gewöhnlichen Geschichte der Menschen und der Welt übersieht. Der in der Geschichte wirkende Gott sucht nicht den Beifall der Menschen und muss keine Berühmtheit erlangen. Sein Wirken zeigt sich in der Veränderung der gesamten Wirklichkeit. Diejenigen, die zuvor Feinde waren, teilen nun ihren Alltag; unvereinbare Wesen werden gemeinsam weiden. Es geht nicht um eine neue Welt, sondern um eine Welt, die neu ist, oder besser: um eine neue Art, sich zu seinen Mitmenschen und zur Wirklichkeit zu verhalten. Diese ganze Neuheit des Lebens wird von einem Kind geführt werden. Welch eine Gnade, ihm begegnet zu sein.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief des heiligen Apostels Paulus an die Römer (Röm 15,4-9)
Brüder und Schwestern, alles, was einst geschrieben wurde, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch die Ausdauer und den Trost, den die Schriften schenken, Hoffnung haben. Der Gott der Ausdauer und des Trostes aber schenke euch, untereinander so gesinnt zu sein, wie es Christus Jesus entspricht, damit ihr einmütig und mit einem Munde den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus preist. Darum nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat, zur Ehre Gottes. Denn ich sage: Christus ist um der Treue Gottes willen Diener der Beschnittenen geworden, um die Verheißungen an die Väter zu bestätigen; die Heiden aber rühmen Gott um seines Erbarmens willen, wie geschrieben steht: «Darum will ich dich bekennen unter den Heiden und deinem Namen lobsingen». – Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
Der Christ erkennt sich an der Liebe. An der Liebe zum Herrn und an der Liebe zum Bruder. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Paulus schreibt dies der Gemeinde von Rom sehr deutlich. Leider wissen wir, dass diese Liebe, deren innere Schönheit und deren Übereinstimmung mit unserem Herzen wir wahrnehmen, nicht immer leicht zu leben ist. Auch in jedem von uns wohnt eine Art Spaltung: Wir möchten stets Gutes tun und finden uns stattdessen dabei wieder, Böses zu tun; wir möchten immer jeden und unter allen Umständen lieben, stoßen aber stattdessen auf unsere eigenen Grenzen und auf die Grenzen des Nächsten, der manchmal alles zu tun scheint, um sich nicht lieben zu lassen. Müssen wir uns dieser Tatsache ergeben? Müssen wir etwa unsere Erwartungen senken und unseren Horizont verkleinern? Nein. Paulus zeigt uns den Ausweg: Der Herr weiß auf dieses Verlangen nach dem Guten zu antworten. Nur er kann uns schenken, untereinander so gesinnt zu sein, wie es Christus Jesus entspricht. Durch die mächtige Waffe des Gebets können wir unserer Herzensnatur entsprechend leben und jeden Tag echte Gemeinschaft aufbauen.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 3,1-12)
In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: «Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.» Er ist es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: «Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!» Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. Die Menschen aus Jerusalem, ganz Judäa und der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. Als Johannes sah, dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen: «Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch gelehrt, dass ihr dem kommenden Zorn entkommen könnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: “Wir haben Abraham zum Vater.” Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken. Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. Ich taufe euch mit Wasser zur Umkehr; der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Sandalen zu tragen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand; er wird seine Tenne reinigen und den Weizen in seine Scheune sammeln; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.» – Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
«Jeder erfasst verworren ein Gut, in dem die Seele Ruhe findet und das sie begehrt; deshalb strebt jeder danach, es zu erreichen.» Wir haben gerade die Feiern zum Todestag des großen Dichters Dante Alighieri abgeschlossen, und vielleicht hat niemand besser als er die Gefühle und Emotionen, die Erwartungen und Enttäuschungen, die Zweifel und Gewissheiten der Männer und Frauen aller Zeiten auf den Punkt gebracht. Im XVII. Gesang des Fegefeuers finden wir diese großartige Aussage, die den Versuch jedes Menschen treffend beschreibt, das Gute und das höchste Gut zu suchen. Das heutige Evangelium bezeugt uns, dass auch Johannes der Täufer nicht außerhalb dieser Menschheit stand, und es wird uns auch gesagt, welche Erwartungen er an den Messias hatte. Der von ihm erdachte, vorgestellte und ersehnte Messias sollte ein Richter sein, im edelsten Sinne des Wortes, einer, der alles an seinen Platz bringen würde. Mit Jesus von Nazaret wird es nicht so sein, weshalb Johannes der Täufer eines Tages, als er aufgrund seiner Anklage gegen Herodes im Gefängnis saß, einige seiner Jünger zu Jesus schickte, um ihn zu fragen: «Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?» (Lk 7,19b). Jesus ist die ewige Neuheit des Vaters.

