Die Kommentare zur Liturgie des Tages aus dem Messbuch „Auf dein Wort“ von September/Oktober 2020.
27. Sonntag im Jahreskreis (A)
3. Woche im Psalter
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 5,1-7)
Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ein Lied vom Weinberg meines Freundes. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe. Er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit edlen Reben; mitten darin baute er einen Turm und hieb auch eine Kelter aus. Dann hoffte er, dass der Weinberg gute Trauben brächte; doch er brachte nur saure Beeren. Und nun, Bewohner Jerusalems und Männer von Juda, richtet zwischen mir und meinem Weinberg! Was konnte ich noch für meinen Weinberg tun, das ich nicht für ihn getan habe? Warum hoffte ich, dass er gute Trauben brächte? Warum brachte er nur saure Beeren? Jetzt aber will ich euch kundtun, was ich mit meinem Weinberg mache: Ich entferne seine schützende Hecke; so wird er zur Weide; ich reiße seine Mauer nieder; dann wird er zertrampelt. Zu Ödland will ich ihn machen. Man soll ihn weder beschneiden noch behacken; Dornen und Disteln werden dort wachsen. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu spenden. Nun denn, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Reben, an denen er seine Freude hatte. Er hoffte auf Rechtsspruch - doch siehe da: Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit - doch siehe da: Hilfeschrei. Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Wenn Gott mit seinem Volk spricht, beginnt er immer nicht mit dem, was wie eine Forderung erscheinen könnte, selbst wenn er jedes Recht hätte, etwas zu verlangen. Der Gott Israels ist nicht wie jene Götter, die der Mensch sich selbst geschaffen hat, denen er nachgegangen ist und die er sich nur nach menschlichen Kategorien vorstellen konnte. Der Gott Israels ist nicht launisch, sondern ein Vater, der in eine tiefe Liebesbeziehung mit dem Menschen tritt. Deshalb beginnt unser Gott immer mit der Erinnerung an seine vielen Gaben. Das Volk wird mit einem Weinberg verglichen, um den sich der Besitzer persönlich kümmert. Er errichtet alles, was zu seinem Schutz und seiner Fruchtbarkeit notwendig ist. Unser Gott ist Landwirt, Bauhandwerker und Ingenieur. Er rodet und kultiviert, pflanzt, baut und gräbt. Ein Detail in dieser Passage des Propheten berührt mich besonders: Gott pflanzt nicht irgendwelche Reben, sondern, wie der Text sagt, edle Reben. Auf dem großen Feld der Welt, um das sich der Vater kümmert, wurden wir als edle Reben eingesetzt, um Trauben erster Qualität hervorzubringen. Und doch? Genau das ist die Frage, die diese Passage stellt.
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper (Phil 4,6-9)
Brüder und Schwestern, sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage eure Bitten mit Gebet, Fürsprache und Danksagung vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren. Im Übrigen, Brüder und Schwestern: Was immer wahr ist, was immer edel, was immer recht, was immer lauter, was immer liebenswert, was immer ansprechend ist, was immer Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht! Was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein. Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
Der Apostel Paulus versäumt es in seinen Briefen nie, die Gläubigen zum Vertrauen zu ermutigen. Diese Ermahnungen gründen nicht auf einem vagen Gefühl der Güte, die es irgendwo in der Welt und im Herzen des Menschen schon geben müsse. Paulus ermutigt aufgrund seiner eigenen Erfahrung mit Jesus. Er hat gesehen, wie all seine Hoffnung im Meister erfüllt wurde, und deshalb kann er jedem Menschen sagen - und heute sagt er es uns: „Sorgt euch um nichts.“ Das Leben bringt immer Schwierigkeiten, Prüfungen und Schmerzen mit sich, doch in all diesen Dingen ist kein Raum für Angst bei dem, der die Erfahrung der Auferstehung des Herrn gemacht hat. Wir haben einen Gott, der unseren Bedürfnissen gegenüber nicht gleichgültig bleibt; wir müssen nur den Mut und die Demut haben, sie ihm vorzutragen. Denn wenn es etwas gibt, das der Vater respektiert, dann ist es die Freiheit seines Kindes. Manchmal höre ich diesen Einwand: „Aber wenn Gott alles weiß, warum müssen dann wir um die Dinge bitten?“ Weil nur so unsere Freiheit bewahrt wird. Denn aus unseren Bitten, unseren Flehrufen und dem, wofür wir danken, wird sichtbar, was unser Herz wirklich erfüllt.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 21,33-43)
In jener Zeit sagte Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes: „Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der einen Weinberg anlegte. Er zog einen Zaun darum, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte holen zu lassen. Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den anderen brachten sie um, wieder einen anderen steinigten sie. Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso. Zuletzt schickte er seinen Sohn zu ihnen und sagte: ‚Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.‘ Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: ‚Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben.‘ Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um. Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit diesen Winzern tun?“ Sie sagten zu ihm: „Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, sobald die Erntezeit da ist.“ Und Jesus sagte zu ihnen: „Habt ihr nie in den Schriften gelesen: ‚Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das ist vom Herrn geschehen und ist ein Wunder in unseren Augen‘? Deshalb sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes hervorbringt.“ Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
Das Gleichnis von den mörderischen Winzern stellt uns in seinem schonungslosen Realismus die Möglichkeit des Bösen vor Augen, zu der der Mensch fähig ist, und legt sie uns ans Herz. Das Evangelium verschweigt diese Dimension der Wirklichkeit nicht. In diesem Gleichnis liegt auch eine Deutung der Vergangenheit. Die Knechte, von denen Jesus spricht, sind nichts anderes als all jene Propheten, die Gott immer wieder zu seinem Volk gesandt hat und die fast immer Opfer der Hartherzigkeit derer wurden, zu denen sie gesandt worden waren. An einem bestimmten Punkt beschließt der Besitzer des Weinbergs, seinen eigenen Sohn zu ihnen zu schicken. Wie könnte man in dieser symbolischen Erzählung nicht die Geschichte Jesu selbst und seiner Zeitgenossen erkennen? Der Sohn wird kein anderes Schicksal haben als die Knechte. Die Hohepriester und jene Ältesten des Volkes, gefragt, welches Schicksal diesen Männern wohl bestimmt sein könnte, geben die naheliegendste Antwort: Er wird diese Knechte elend sterben lassen. Diese Antwort hätten wahrscheinlich auch wir gegeben, aber es wird nicht die Antwort Jesu sein. Der Gott und Vater, den Jesus erfahren hat und den zu offenbaren er gekommen ist, wird niemanden sterben lassen, sondern anderen erneut Vertrauen schenken. Gott setzt nun alles auf uns und bittet uns, neuen Reichtum an Früchten möglich zu machen.

