Die Kommentare zur Liturgie des Tages aus dem Messale „Sulla Tua Parola“ für September/Oktober 2020.
23. Sonntag im Jahreskreis (A)
3. Woche im Psalter
ERSTE LESUNG
Aus dem Buch des Propheten Ezechiel (Ez 33,1.7-9)
Das Wort des Herrn erging an mich: „Du Menschensohn, ich habe dich zum Wächter für das Haus Israel bestellt. Wenn du ein Wort aus meinem Mund hörst, musst du sie in meinem Auftrag warnen. Wenn ich zu dem Frevler sage: ‚Frevler, du musst sterben!‘ und du sagst nichts, um den Frevler vor seinem Weg zu warnen, dann wird dieser Frevler wegen seiner Schuld sterben; sein Blut aber fordere ich aus deiner Hand. Du aber hast den Frevler vor seinem Weg gewarnt, damit er umkehrt, und er hat sich von seinem Weg nicht abbringen lassen: Dann wird er wegen seiner Schuld sterben, du aber hast dein Leben gerettet.“ Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur ersten Lesung
Die wichtigste Aufgabe des Propheten besteht nicht in der Suche nach seiner moralischen Vollkommenheit oder in der Askese, um sich immer mehr dem Gesetz Gottes anzupassen. Moralische Vollkommenheit und eine völlige Übereinstimmung mit dem Gesetz sind dem Menschen unmöglich – aufgrund dessen, was die kirchliche Tradition Erbsünde nennt, also jener Entfernung zwischen dem Plan Gottes und der Entwicklung jeder persönlichen und gemeinschaftlichen Geschichte. Die Erbsünde ist jene Kluft zwischen Ideal und Praxis. Die Aufgabe des Propheten besteht darin, den Empfängern eine Botschaft zu übermitteln; der Prophet verkündet den Willen des Vaters. Eine menschliche Schwäche, welcher Art auch immer, reicht nicht aus, um eine solche Botschaft zu entkräften. Diese Gewissheit hat zwei Folgen: Sie befreit den Menschen von dem Gefühl, ständig unzulänglich zu sein, und sie befreit den Propheten von der Versuchung, auf die Verkündigung zu verzichten, weil er in sich und um sich herum nur Ablehnung der Botschaft wahrnimmt. Wenn Gott jemanden erwählt, tut er das nicht, weil er in ihm Vollkommenheit sieht, sondern er bittet ihn lediglich um fügsame Bereitschaft für die Aufgabe. Wie viel falsche Moralvorstellungen könnten vermieden werden, wenn wir uns nur vom Wort Gottes formen ließen!
ZWEITE LESUNG
Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer (Röm 13,8-10)
Brüder und Schwestern, bleibt niemandem etwas schuldig, außer der gegenseitigen Liebe; denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: „Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren“, und jedes andere Gebot werden in diesem Wort zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. Wort des lebendigen Gottes.
Kommentar zur zweiten Lesung
Sehr kurz ist der Abschnitt aus dem Apostel Paulus, den die Liturgie des Wortes an diesem Sonntag unserer Betrachtung vorlegt. Ein kurzer Abschnitt, in dem jedoch die ganze Revolution der christlichen Verkündigung enthalten ist: die Liebe. Oft fühlen wir uns anderen gegenüber aus vielen berechtigten Gründen verpflichtet. Leider fühlen wir uns aber fast nie ausschließlich zur Liebe verpflichtet. Wenn wir genauer darüber nachdenken, steht hinter jeder Geste des Wohlwollens immer nur die Liebe. Wir nehmen sie als selbstverständlich hin, denken nicht genug darüber nach, laufen Gefahr, oberflächlich und oft banal zu werden. Das habe ich am eigenen Leib gelernt. Nach dem verheerenden Erdbeben von L’Aquila im Jahr 2009 stürzten meine Kirche und mein Haus ein. Plötzlich besaß ich nur noch den Schlafanzug, den ich trug. Ein paar Tage später wurden mir eine Hose, ein Trainingsanzug, ein Hemd und ein Handy geschenkt. Jedes Mal, wenn ich diese Kleidungsstücke trug oder dieses Handy benutzte, waren sie nicht mehr einfach nur Kleidung oder Gegenstände, sondern von der ganzen Liebe derjenigen erfüllt, die an mich gedacht hatten. Heute sehe ich diese Dinge an und bin nicht dankbar, weil ich sie besitze, sondern weil sie mir das Gefühl geben, geliebt zu werden.
EVANGELIUM DES TAGES
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 18,15-20)
In jener Zeit sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf diese nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Amen, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. Weiter sage ich euch: Wenn zwei von euch auf Erden sich einig sind in einer Sache, die sie gemeinsam erbitten wollen, dann werden sie sie von meinem Vater im Himmel erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Kommentar zum Evangelium des Tages
In diesem Evangelium finden wir den festen Grund, auf dem die Kirche, also die Gemeinschaft der Kinder Gottes, errichtet werden kann und deren einziges Gesetz die Liebe ist. Leider sind wir nicht immer empfänglich für Jesu Ratschläge. Im Gegenteil: Oft geschieht genau das Gegenteil von dem, was uns das heutige Evangelium sagt. Wenn uns jemand einen schlechten Dienst erweist, erzählen wir zunächst der ganzen Gemeinschaft von dem erlittenen Unrecht – natürlich aus unserer Sicht. Dann erreichen vielleicht einige Stimmen den unmittelbar Betroffenen, wobei der Inhalt dessen, was wir gesagt haben, oder zumindest der Ton, fast immer verfälscht wird. So entstehen jene feinen Misstrauensgefühle, die nach und nach zu Gummiwänden werden – scheinbar nicht sehr stabil, aber doch fähig, uns vom Bruder zu trennen. Jesus schlägt einen anderen Weg vor. Kleine Reibereien zwischen Geschwistern sind unvermeidlich: Wenn es dazu kommt, kläre die Sache sofort mit ihm, um die Gemeinschaft wiederherzustellen. Wenn du auf Widerstand stößt, bitte einige andere um Hilfe; und wenn die erhoffte Wirkung weiterhin ausbleibt - wobei es nicht darum geht, Recht zu haben, sondern um die Gemeinschaft -, dann beziehe die ganze Gemeinschaft, die Kirche, mit ein. Hier zeigt sich die wahre Neuheit dieses Abschnitts. „Wenn er nicht hört … dann sei er für dich wie …“ wie diejenigen, derentwegen Jesus gekommen ist: Heiden und Sünder.

