Der Karsamstag ist der dunkelste Tag des österlichen Triduums und zugleich der lichtvollste: ein Tag der grenzenlosen Hoffnung. Wir möchten, dass ein solcher, vom Schmerz gezeichneter Tag schnell zu Ende geht, weil er unser Festhalten am Glauben auf die Probe stellt; wir möchten diesen Tag verkürzen, wir möchten ihn auslöschen, und doch ist er im österlichen Triduum ein notwendiger Tag: Es geht darum zu verstehen, was geschehen ist, der Wirklichkeit des Todes ins Gesicht zu sehen und uns in liebevollem Warten zu üben, indem wir die Zweifel durch das Festhalten an den Worten Jesu überwinden.
Der Abstieg in die Unterwelt
Am Karsamstag wird des Christus gedacht, der „in die Unterwelt hinabgestiegen“ ist, um alle zu erlösen, die auf sein Kommen warten. Was bedeutet dieser Ausdruck „in die Unterwelt hinabgestiegen“? Er bedeutet, dass im Reich des Todes die Stimme Gottes erklungen ist. Das Undenkbare ist geschehen: Die Liebe ist „in die Unterwelt“ vorgedrungen; das sagt uns, dass wir selbst in der äußersten Dunkelheit der vollkommensten menschlichen Einsamkeit eine Stimme hören können, die uns ruft, und eine Hand finden, die uns ergreift und hinausführt. Christus hat den Tod besiegt und den Menschen aller Zeiten den Weg der Hoffnung und des Heils eröffnet. Hoffnung, Erwartung und Schweigen sind daher die Gefühle, die Atmosphäre, die diesen Tag prägen.
Das Schweigen des Karsamstags
Der Karsamstag ist ein Tag des Schweigens. Alles schweigt, denn - wie eine alte Homilie sagt - „Der König schläft. Die Erde schweigt, weil der menschgewordene Gott eingeschlafen ist und diejenigen aufgeweckt hat, die seit Jahrhunderten schlafen.“ Deshalb ist es ein Tag ohne Eucharistiefeier und ohne Feiern zur Bestattung Jesu Christi, ohne Feiern über das Geheimnis des Glaubens, das der Abstieg Jesu in die Unterwelt ist.
Der Karsamstag ist der Tag der Ruhe Gottes, an dem der Leib Jesu im Grab ruht. Jesus erscheint für immer tot: Von ihm gibt es nun nichts mehr zu sehen und zu hören … Seine Geschichte scheint ein Scheitern zu sein, und die Apostel sowie seine Gemeinde sind verängstigt und verwirrt. Christus ist tot. Das Grab hat seinen Leib aufgenommen, und ein Stein verschließt es. Alles scheint zu Ende zu sein. Das Geheimnis des Karsamstags zwingt jeden von uns, sich mit dem Geheimnis des Todes auseinanderzusetzen. Der Tod Christi ist unser Tod. Christus, der zu den Unteren hinabgestiegen ist, ist „in das Geheimnis des Todes hinabgestiegen“. Hinabgestiegen in unseren Tod. So werden wir mit dem Tod konfrontiert: mit dem Tod Jesu, aber auch mit unserem eigenen Tod und dem Tod der Menschen, die wir lieben.


Tag des Gebets und der Betrachtung
Der Karsamstag, der Tag des großen Schweigens, der Tag der Betrachtung und des Gebets im Warten auf die Verkündigung der Auferstehung, eignet sich daher gut zum Gebet und zur Betrachtung angesichts jenes erschütternden, doch so gefassten und majestätischen Bildes, das das Grabtuch ist. Tatsächlich hat Papst Benedikt XVI. die tiefe Verbindung hervorgehoben, die zwischen dem Grabtuch und dem darauf eingeprägten außergewöhnlichen Bild und dem Geheimnis des Karsamstags besteht: „Man kann sagen, dass das Grabtuch die Ikone dieses Geheimnisses ist, die Ikone des Karsamstags … Das Turiner Grabtuch bietet uns das Bild davon, wie sein Körper während jener Zeit im Grab ausgestreckt lag, die chronologisch kurz war (etwa anderthalb Tage), aber in ihrem Wert und ihrer Bedeutung unermesslich, unendlich war … In jener ‚Zeit-jenseits-der-Zeit‘ ist Jesus Christus ‚zu den Unteren hinabgestiegen‘.“


Unter dem Mantel Marias
Wenn an unsere Tür eine schwere Krankheit, ein schwieriges familiäres oder berufliches Problem, der Tod eines geliebten Menschen oder eine schwere, harte Realität klopft, die wir oder uns nahestehende Menschen nur schwer ertragen können, erleben wir unseren Karsamstag. Gott scheint abwesend zu sein, das Böse zu siegen, der Schmerz sinnlos zu sein … Und noch stärker und eindringlicher steigt in unserem Herzen der stumme Schrei auf: Welchen Sinn hat so viel Leid? Wie kann ich den Tragödien, die ich erlebe, einen Sinn geben? Wann wird all das enden?
Diese Fragen finden eine Antwort in der Jungfrau Maria, denn nur sie kann uns lehren, wie wir vor dem Sohn stehen sollen, auch angesichts des Grabes mit einer Haltung der Hoffnung und des Vertrauens. Sie blieb inmitten des unermesslichen Schmerzes über den Tod ihres Sohnes schweigend zu Füßen des Kreuzes und verharrt im Schweigen der liebevollen Erwartung, ohne den Glauben an den Gott des Lebens zu verlieren, während der Leib des Gekreuzigten im Grab liegt. Sie hoffte unter dem Kreuz und bis zum Grab wider alle Hoffnung, sie lebte den Karsamstag und schenkte den verstörten und enttäuschten Jüngern Hoffnung.
Am Karsamstag, in der Zeit der dichtesten Dunkelheit und des Abgrunds des Leidens, spricht Maria zu unserem Herzen und lehrt uns durch ihr Beispiel, auch in den Nächten des Glaubens zu glauben, den Vorrang Gottes zu verkünden und ihn auch in seinem Schweigen zu lieben.
„Die russischen Mystiker der ersten Jahrhunderte der Kirche - daran erinnerte Papst Franziskus bei dieser Gelegenheit - gaben ihren Jüngern einen Rat: In Zeiten geistiger Turbulenzen flüchtet euch unter den Mantel der heiligen Mutter Gottes. Dort kann der Teufel nicht eindringen, denn sie ist Mutter und verteidigt als Mutter.“
Unter dem Mantel Marias und eng an sie geschmiegt werden auch wir die Kraft finden, weiterhin zu glauben, dass Jesus Christus lebt und dass er gerade dann, wenn wir nichts sehen und nur feststellen, dass wir von Leid und Tod erfüllt sind, in uns hinabsteigt, um das Heil zu bringen.


Der auferstandene Jesus wird die Tränen von unseren Augen abwischen
Ja, im Leben erfahren wir früher oder später Schmerz und Leid, doch wenn wir bis zum Ende gehen, finden wir Jesus, der uns vorausgegangen ist und uns mit offenen Armen erwartet. Dann endet unser Warten: Der auferstandene Jesus wird die Tränen von unseren Augen abwischen und uns, seine Hand in der unseren, zum barmherzigen Vater führen.
Es gibt wahrhaftig keine österliche Morgenröte ohne den Karsamstag.

