Das Leben ist ein Geheimnis, das vor uns aufleuchtet, wenn Kinder geboren werden und wir sie zum ersten Mal mit eigenen Augen sehen; in diesem Augenblick gibt es etwas Größeres, das uns überwältigt. Dieses Kind, jenes Mädchen sind der sichtbare Beweis für ein Geheimnis des Lebens, das nur teilweise von uns abhängt und das wir geliebt haben, noch bevor wir es kannten.
Obwohl wir alle verschieden sind, sind wir alle Kinder; eine grundlegende Identität verbindet uns daher. Niemand entscheidet sich nämlich dafür, geboren zu werden. Jeder von uns verdankt seine Existenz und sein Leben einer Mutter und einem Vater. Das Leben können wir uns nicht selbst geben, sondern nur empfangen und bewahren.
Darüber hinaus gibt es ein Kindsein, das daraus hervorgeht, dass wir geschaffen sind; deshalb ist Gott der Vater aller, weil wir alle von ihm geschaffen wurden. Mit dem Kommen des Sohnes sind wir dazu berufen, in ihm zu Kindern zu werden und uns somit durch die Gnade in die Kirche einzugliedern, die Gemeinschaft der Kinder Gottes, nicht im ausschließenden, sondern im einschließenden Sinn.
Wir alle brauchen die anderen
Wenn Kinder klein sind, brauchen sie uns. Ihr Alltag hängt von uns ab: die Nahrung, die Kleidung, die Körperpflege, die Kommunikation und das Lernen, in der Welt zurechtzukommen. Doch auch als Erwachsene machen wir alle die Erfahrung, von etwas und jemandem abhängig zu sein. Wir leben in einer Zeit, in der Selbstbezogenheit vorherrscht: Man neigt dazu, an sich selbst zu denken und den eigenen kleinen Garten zu pflegen, doch wir müssen einander annehmen und uns integrieren, gemeinsam unterwegs sein und Brüder und Schwestern sein. Wir alle brauchen in unserer Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit die anderen. Wir sind immer auf Hilfe, Liebe und Vergebung angewiesen!
Was verbirgt sich hinter dieser Wahrheit?
Geliebt vor unserer Geburt
„Ich habe an dich gedacht, noch bevor ich dich im Mutterleib gebildet habe. Noch bevor du zur Welt kamst, hatte ich dich bereits erwählt“ (Jer 1,5). Gott, der Vater, hat jeden von uns als einzigartiges Wesen erdacht und uns schon geliebt, bevor wir geboren wurden. Gott hat uns zuerst geliebt, uns gewollt und ins Leben gerufen, und unsere Eltern haben sich dafür geöffnet, dieses Geschenk anzunehmen.
Im Alltag erfahren wir, wie schrecklich und beklemmend es ist, sich nicht gebraucht zu fühlen, selbst wenn man nur nicht ausgewählt oder als Letzter ausgewählt wird, als wären wir lediglich eine Notlösung. Wenn wir aber daran denken, dass wir seit jeher auserwählt und berufen sind, dann befreit uns das Geborgensein im Herzen Gottes von der Angst und versichert uns, dass wir seit jeher in einer Liebe verwurzelt sind, die vor allem anderen „zuerst“ da ist.
«Es ist die Schönheit, zuerst geliebt zu werden: Kinder werden geliebt, bevor sie überhaupt da sind» (Papst Franziskus, Generalaudienz, 11. Februar 2015). Das sagt uns, dass die notwendige Voraussetzung für den Eintritt in das Reich Gottes darin besteht, «uns nicht als selbstgenügsam zu betrachten, sondern als auf Hilfe, Liebe und Vergebung angewiesen» (Papst Franziskus, Generalaudienz, 18. März 2015) – all das, woran uns Kinder, besonders wenn sie noch klein sind, ständig erinnern.
In Brüderlichkeit leben
Wir sind also persönlich berufen, aber gemeinsam mit anderen. Wenn wir Kinder sind, sind wir auch alle Brüder und Schwestern (Fratelli tutti, 279), und die Familie ist der erste Ort, an dem man lernt, die Brüderlichkeit zu leben, zu der wir als Kinder eines einzigen Vaters alle berufen sind.
Unsere Unterschiede sind kein Schaden und keine Gefahr, sondern ein Reichtum. Es ist wie bei einem Künstler, der ein Mosaik gestalten möchte: Es ist besser, über Steine in vielen Farben zu verfügen als über wenige! Die Erfahrung der Familie lehrt uns das: Unter Brüdern und Schwestern sind wir voneinander verschieden und verstehen uns nicht immer, aber es gibt ein unauflösliches Band, das uns verbindet, und die Liebe der Eltern hilft uns, einander zu lieben.
Denkanstöße für Paare/Familien
Wir alle sind immer auf Hilfe, Liebe und Vergebung angewiesen!
• Was empfinden wir, wenn wir uns geholfen, geliebt und vergeben fühlen?
• Von wem haben wir uns geholfen, geliebt und vergeben gefühlt?
• Jeder Mensch, dem wir begegnen, trägt im Herzen den Wunsch, sich geholfen, geliebt und vergeben zu fühlen. Unsere Gegenwart kann daher für jeden Menschen von Bedeutung sein. Denken wir an die vergangenen Tage: Wen haben wir glücklich gemacht, und wen konnten wir nur schwer lieben?
• Nehmen wir die Einladung von Papst Franziskus an: «Jeder von uns denke in seinem Herzen an seine eigenen Kinder – wenn er welche hat – […] Und wir alle denken an unsere Eltern und danken Gott für das Geschenk des Lebens» (Papst Franziskus, Generalaudienz, 11. Februar 2015).



