In den Weg der Hoffnung, der mit dem Jubiläum 2025 begonnen hat, fügen sich unsere Treffen mit Mario Antonio Clerici ein, unserem geschätzten Leser und freiwilligen Helfer beim Italienischen Roten Kreuz.
In diesem dritten Beitrag erzählt der Autor von seinen Erinnerungen als freiwilliger Helfer an die Covid-19-Pandemie und denkt über das Geheimnis von Leben und Tod nach, das uns übersteigt, uns aber ermöglicht, einander nahe zu sein.
Die Pandemie als freiwilliger Helfer erlebt
Fünf Jahre nach dem ersten in Italien diagnostizierten Fall von Covid-19 spricht man wenig oder gar nicht mehr über die Pandemie. Das ist einerseits überraschend, da die Weltgesundheitsorganisation das Ende des Notstands erst am 5. Mai 2023 ausgerufen hat. Andererseits macht das Leid, das man während der langen Zeit des Coronavirus mit ihrer tragischen Last an Toten und Schmerz ertragen musste, verständlich, warum man versucht, diese so düsteren Erinnerungen aus einem Alltag fernzuhalten, der bereits reichlich mit Sorgen belastet ist.
Wer die Wochen, Monate und Jahre der Pandemie, insbesondere die erste, äußerst harte Welle, wirklich nicht dem Vergessen anheimgeben kann, sind die freiwilligen Helfer im Rettungsdienst – das Bindeglied zwischen dem Ausbruch der Ansteckung und der Hoffnung auf Genesung. Für den Verfasser, einen freiwilligen Helfer des Roten Kreuzes in Lurate Caccivio in der Provinz Como, bedeutet die Erinnerung an jene Momente auch, über etwas nachzudenken, das über den pandemischen Notstand an sich hinausgeht.
Die Rettung: auf dem Grat zwischen Leben und Tod
In dieser Phase der jüngeren Geschichte wurde tatsächlich auf besondere Weise die Verbindung der Helfenden mit dem äußerst fragilen Grat der Existenz zwischen Leben und Tod spürbar. Für mich war es jedenfalls so. Ich nahm die Heiligkeit des menschlichen Lebens in seiner Verletzlichkeit wahr, im entwaffnenden Vertrauen des Patienten in die Rettungskräfte. Obwohl ich bereits viele Jahre beim Roten Kreuz hinter mir hatte, brachte mich die „immersive“ Erfahrung der Pandemie dazu, mich noch radikaler mit dem Geheimnis von Leben und Tod auseinanderzusetzen.
Dass etwas Ungewöhnliches in der Luft lag, hatte man bereits im November 2019 wahrgenommen. Man wurde häufig gerufen, um Menschen mit Atemnot zu helfen, bemerkte einige merkwürdige Situationen: Patienten, die plötzlich Krisen und Atemnot bekamen und nicht mehr atmen konnten, ohne an einer erkennbaren Krankheit zu leiden. Auch wir Rettungskräfte konnten uns nicht erklären, was geschah. Dann meldete China im Januar 2020 der Welt, dass es einen in der Stadt Wuhan ausgebrochenen Gesundheitsnotstand erlebte. Einen Monat später war die Ansteckung in Italien angekommen, und die Erklärung der WHO zur Covid-19-Pandemie überließ die Welt der Atemnot.
Von diesen hektischen Wochen, in denen wir ununterbrochen ausrückten, um Hilfe zu leisten, bleiben mir die langen Schlangen vor den verschiedenen Krankenhäusern vor Augen, um Patienten mit Coronavirus-Symptomen in die Notaufnahme zu bringen. Wer von uns war auf diese (neue) Herausforderung vorbereitet? Niemand, glaube ich. Abgesehen von dem unbekannten Virus hatten wir nicht erwartet, mit so viel Verzweiflung konfrontiert zu werden.
In dieser Zeit gab es viele Todesfälle: Die Lombardei war eines der Zentren des Notstands, Bergamo die Provinz mit den meisten Opfern. Für die Rettungskräfte war es eine sehr kritische Zeit; die Auseinandersetzung mit der Krankheit und die Angst, sich anzustecken, stellten sie auf eine harte Probe. Auch mit den Angehörigen der Kranken zu sprechen war schwierig, denn die Angst und Sorge, den geliebten Menschen nicht wiederzusehen, waren groß. Wir versuchten, ein wenig Zuversicht und Mut zu vermitteln, doch es war schwierig, Hoffnung zu geben, weil alle wussten, wie schwerwiegend die Komplikationen des Virus angesichts der verzweifelten Suche nach wirksamen Therapien waren.
Das Ich beiseiteschieben, um einem Du zu helfen
Nie zuvor wie während der Pandemie bedeutete Hilfeleistung auch, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Die Tätigkeit im Rettungsdienst ist ihrer Natur nach eine Einrichtung zum Schutz der Gesundheit. Dem Tod gegenüber ist man nie gleichgültig und auch nie darauf vorbereitet, ihm zu begegnen. Ob der Notruf wegen eines möglichen Herzstillstands, eines Verkehrsunfalls oder einer Krankheit eingeht: Bei jedem Einsatz versucht man immer, ein positives Ergebnis zu erzielen. Covid-19 konfrontierte uns, besonders in der Anfangszeit, mit einem völlig ungewissen Ausmaß. Bei jedem Einsatz spürte man die Sorge, sich persönlich mit der Ansteckung auseinanderzusetzen. Ein Risiko, dem wir uns bereitwillig stellten, indem wir das Ich und das Wir beiseiteschoben, um einem Du zu helfen, unserem bedürftigsten, schutzlosen und allein gelassenen Nächsten. Die Schutzanzüge, die Masken – alles machte uns noch distanzierter vom Patienten, doch kein Schutzschild hat jemals die Menschlichkeit der Freiwilligen abgeschirmt , die sich dafür einsetzten, Patienten, die „Hunger“ nach Luft hatten, mit Sauerstoff zu versorgen oder ihnen eine Aufnahme ins Krankenhaus zu ermöglichen.
Auf dem Grat stehen
Wie zu Beginn angekündigt, hat mich die Covid-Zeit dazu gebracht, über das Leben nachzudenken. Sie hat mich die transzendente Dimension der Existenz spüren lassen: Ein Hauch lässt uns ins Dasein treten, doch ebenso wenig genügt, damit es erlischt.
Zum Glück bedeutet es, auf dem „Grat“ zu stehen, sich auch der schönen Seite der menschlichen Verfassung zuzuwenden, ihrem Hervortreten ins Licht. Wenn ein Rettungseinsatz wirklich voller Energie steckt, dann ist es der, bei dem ein Kind es eilig hat, zur Welt zu kommen, und man möglicherweise den Krankenwagen anhalten muss, weil die Mutter ihr Kind gebären muss.
Ich erinnere mich an eine Nacht, in der ich Dienst hatte und mit meinen Kollegen eine schwangere Frau ins Krankenhaus brachte. Was für eine Freude, als der Kleine geboren wurde, kaum dass wir in der Notaufnahme angekommen waren! Wir fühlten uns alle als Teil des unbändigen Glücks der frischgebackenen Eltern. Doch wir hatten noch nicht einmal aufgehört, mit einem Becher Schokolade zu feiern, als wir von der Einsatzzentrale zum Haus einer älteren Frau in ernstem Zustand umgeleitet wurden. Sie atmete nicht mehr. Der Arzt führte Wiederbelebungsmaßnahmen durch. Vergeblich. Ihr Allgemeinzustand war zu schlecht, und das medizinische Personal konnte nur noch ihren Tod feststellen.
In jener Nacht erlebten wir zwei völlig gegensätzliche Situationen: die Freude über neues Leben und die Trauer über einen Todesfall. Auch wenn man diese „bipolare“ Erfahrung in emotionaler Hinsicht nur äußerst selten macht, denke ich, dass diese beiden Momente nichts anderes als ein Sinnbild für die menschliche Verfassung sind. Sie als freiwilliger Helfer im Rettungsdienst zu erleben, ist ein großes Geschenk, weil man sich in beiden Fällen bewusst wird, keinerlei Einfluss nehmen zu können. Bei einer Geburt bricht das Leben hervor. Im Tod verlässt es uns, selbst wenn man das Unmögliche versucht.
Das bedeutet, dass es Jemanden gibt, der uns übersteigt und uns ja den anderen anvertraut, damit wir unserem Nächsten nahe sein können. Während der härtesten Zeit der Covid-Pandemie war dies mein Kompass, um mich weiterhin an der Menschlichkeit zu orientieren, selbst als alles in die entgegengesetzte Richtung zu laufen schien.
Mario Antonio Clerici hat seine Erinnerungen an die Pandemie, die er als Freiwilliger beim Roten Kreuz erlebt hat, sowie seine Gedanken über Leben und Tod mit uns geteilt – im Zeichen der Hoffnung und des Glaubens. Wenn du möchtest, freuen wir uns auch auf deinen Erfahrungsbericht und deine Gedanken!
